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Das Apnoetauchen eröffnet eine komplett andere Erlebniswelt im Vergleich zum Tauchen mit Sauerstoffflasche. | © Julian Lindenmann

„Für den Rekord, den ich brechen will, gibt es keine Zahlen“

Timo Niessner ist verliebt in die Tiefen des Meeres. Sauerstoffflasche? Braucht der Ausnahmesportler beim Apnoetauchen nicht – Loslassen ist das Geheimrezept.

Das schönste Geräusch der Welt klingt für Timo Niessner ziemlich genau so: Lchchchlrrrrlchchchcchhchchchc. Er hört es immer dann, wenn er etwa 40 Meter unter der Wasseroberfläche immer weiter nach unten fällt. Nicht schwimmt, sondern tatsächlich fällt. 50 Meter. 60 Meter. 70 Meter. Und das Wasser an seiner Taucherbrille und Ohren entlangschlürft, röchelt, sprudelt und ziept.

Meine besten Tauchgänge mache ich, wenn ich mich von allem befreien kann. Das ist für mich das A und O.

Timo Niessner, der 33-Jährige gehört zu den besten Apnoetauchern des Landes

Was ist eigentlich Apnoetauchen?

Die puristischste und älteste Form des Tauchens. Abgeleitet vom griechischen Wort „ápnoia“ („Nicht-Atmung“), beschreibt es das Hinabgleiten in See- oder Meerestiefen, wie es schon unsere Vorfahren in der Steinzeit praktiziert haben, um Muscheln zu sammeln oder Fische mit Speeren zu fangen. Einzige Hilfsmittel dabei sind Flossen und mitunter Seile, an denen man sich wieder hochziehen kann. Es ist eine komplett andere Erlebniswelt im Vergleich zum Tauchen mit Sauerstoffflasche, was im Grunde viel gefährlicher ist. Der gesamte Körper wird mit Stickstoff gesättigt, und auch Sauerstoff wird ab einer gewissen Tiefe toxisch. Beim Apnoetauchen kann man dagegen problemlos ab- und wieder auftauchen und den Druckausgleich mühelos bewältigen. Das Beste: „Mein Equipment passt in jeden kleinen Rucksack: Brille, Flossen und vielleicht noch ein Neoprenanzug“, sagt Timo Niessner.

Timo Niessner: „Was hält dich davon ab, nicht zwei, sondern vier Minuten die Luft anzuhalten? Dein Körper ist es nicht – es ist dein Kopf." | © Alexander Schuchmann, Nicolai Deutsch & Julian Lindenmann

Die große Sehnsucht nach der Tiefe

Der 33-Jährige gehört zu den besten Apnoetauchern des Landes, hat sich aber schon lange von der Jagd nach Rekorden verabschiedet. Wie tief kannst du tauchen? Wie lange die Luft anhalten?

Für den Rekord, den ich brechen will, gibt es keine Zahlen. Ich möchte immer mehr in den Zustand der vollkommenen Zufriedenheit gelangen. Das ist für mich die größte Herausforderung. Ab einer gewissen Tiefe fällt man immer weiter hinab. Das ist für mich wie Fliegen – der pure Genuss.

Timo Niessner

In der Szene unterscheidet man insgeheim zwischen den Newcomern, die sich dem Rausch der Tiefe und der Zahlen hingeben und den alten Hasen, die, genau wie Timo Niessner, den spirituellen und meditativen Ansatz wählen und nicht mehr davon getrieben sind, irgendwelche Bestmarken aufzustellen.

Einfach mal die Luft anhalten

Zum Freediver ist niemand geboren. Man braucht nicht mal besondere Voraussetzungen, meint Timo Niessner: „Von der Physiologie her, kann jeder zum Apnoetaucher werden. Das Wichtige ist der mentale Bereich: Wir müssen anfangen, loszulassen. Dafür gibt es auch einen schönen Spruch: When you think you have to speed up, slow down. Das ist das komplette Kontrastprogramm zum Businessleben oder zu anderen Sportarten wie Rugby, was ich früher gemacht habe. Wenn du Apnoetauchen ausprobieren willst, musst du absolutes Vertrauen zu dir selbst aufbauen.“

Apnoetauchen ist vor allem eine Frage mentaler Stärke. | © Alexander Schuchmann, Nicolai Deutsch & Julian Lindenmann

Auf in ein neues Leben

Nach dem Studium organisierte er für einen deutschen Automobilhersteller ganzjährig Touren und Großveranstaltungen, war ständig im Dienstwagen unterwegs und schlief maximal drei Wochen im Jahr im eigenen Bett. Dickes Auto, viel Geld, toller Status. Niessner lebte den vermeintlichen Businesstraum eines Endzwanzigers. Und dann kam irgendwann dieses Gefühl von unendlicher Leere und die Frage, die seinen weiteren Werdegang beeinflussen sollte: Ist das wirklich das Leben, das ich mir immer erträumt habe? Gibt es da nicht noch mehr? Nach einer dreimonatigen, selbst verabreichten Auszeit vom Job, erlebt er seinen Erweckungsmoment bei einem Urlaub in Ägypten, wo er Apnoetauchen ausprobiert. Das Rote Meer gilt nach wie vor als Hotspot, denn es gibt warmes Wasser, tolle Sicht, Haie und Schildkröten. Taucherfahrung hat er bereits, sogar eine Lehrerlizenz, doch Apnoetauchen wird vom ersten Moment an für ihn zur Offenbarung. Eine der ersten Lektionen, die ihm sein Trainer mit ins Wasser gibt:

Was hält dich davon ab, nicht zwei, sondern vier Minuten die Luft anzuhalten? Dein Körper ist es nicht – es ist dein Kopf.

Timo Niessner

Underwater Love: Auf dem Weg zum Apnoe-Meister

Timo Niessner mietet sich eine kleine Wohnung in der Küstenstadt Dahab, immer wieder kommen Freunde zu Besuch, während er sich zum Apnoe-Lehrer ausbilden lässt. Die Vorgabe: über 4 Minuten Luft anhalten, 40 Meter tauchen. „Ich kam schnell an meine mentalen Grenzen und hatte Probleme, meine eigenen Ängste zu meistern“, erinnert sich Niessner. Doch er bleibt hartnäckig, bleibt konsequent – und lernt loszulassen. When you think you have to speed up, slow down.

Eine Frage der mentalen Stärke

Für Laien mag Freediving wie ein Extremsport wirken, für Niessner ist es die pure Entspannung, ein wenig vergleichbar mit Yoga oder Meditieren: „Alle Spitzensportler haben einen völlig individuellen Trainingsplan, jeder Apnoetaucher muss seinen eigenen Weg finden, wie er am besten mit sich selbst kommuniziert. 80 Prozent sind mentale und 20 Prozent körperlich Fitness.“ Doch was passiert mit denjenigen, die ins Wasser mit Liebeskummer oder Sorgen im Job gehen? Muss man sich zunächst von allem Ballast befreien, damit man ein guter Freediver wird?

Für Timo Niessner ist Freediving die pure Entspannung und ein wenig vergleichbar mit Yoga oder Meditieren. | © Alexander Schuchmann, Nicolai Deutsch & Julian Lindenmann

Übers Wasser in die Freiheit

„Entweder man befreit sich vorher davon oder man schafft es durch Freediving. Am wichtigsten ist die Akzeptanz. Akzeptiere, dass du Liebeskummer hast, kämpfe nicht dagegen an und lass’ all das los, was auf deinen Schultern liegt. Dein Tauchgang fängt nicht erst im Wasser an, sondern bereits in deinem Alltag. Du wirst die Bürde mit ins Wasser nehmen – und genau da beginnt die mentale Challenge“, sagt Niessner. Aus seiner persönlichen Philosophie zum Freediving ist unlängst ein Lebensweg geworden. Wenn er nicht im Wasser ist, gibt er Kurse für Atmung oder Angstbewältigung, hält Motivationsseminare und arbeitet als Business-Coach.

Gibt es beim Apnoetauchen auch Gefahren?

Die wichtigste Regel lautet: Niemals alleine Tauchen gehen. An alle Gefahren, die im Wasser lauern, muss man sich langsam herantasten und sie erfahren, denn jedes Gewässer hat seine eigenen Herausforderungen. Wer das Rote Meer erkunden will, sollte sich vor Steinfisch und Feuerfisch in acht nehmen – beide sind sehr giftig. Tückisch können Downstream-Strömungen sein, die einen Sog nach unten verursachen, denen auch die Apnoe-Ikone Natalia Molchanova in den Mittelmeergewässern vor der Baleareninsel Formentera zum Opfer gefallen ist. Man vermutet es zumindest – ihr Leichnam wurde nie geborgen, als sie im August 2015 von einem Tauchgang nicht wieder zurückkehrte.

Die wichtigste Regel lautet: Niemals alleine Tauchen gehen. | © Alexander Schuchmann, Nicolai Deutsch & Julian Lindenmann

Apnoe-Tipps to go: So kann man auch im Freibad trainieren

Timo Niessner: „Niemals einfach so im Wasser die Luft lange anhalten, wenn man davon keine Ahnung hat. Am besten einen Atmungskurs besuchen. Die meisten Leute kommen locker auf zwei bis zweieinhalb Minuten am Ende des ersten Tages, obwohl sie vorher nur 30 Sekunden die Luft anhalten konnten. Dann gibt es noch verschiedene Apps auf dem Handy zum Luftanhalten, doch das ist eigentlich nur Spielerei. Yoga ist eine viel bessere Übung, vor allem die Pranayama-Technik ist eine tolle Methode, um Körper und Geist in Einklang zu bringen.“

Einmal ganz tief einatmen: Die besten Apnoe-Spots

Für dieses Jahr hat sich der Tübinger wieder viele schöne Orte ausgesucht, wo er seiner Leidenschaft nachgehen will. Auf Mallorca ist die Wasserqualität nach wie vor sehr gut, ebenso wie auf Gozo, der zweitgrößten Insel in Malta: „Dort gibt es völlig abgefahrene Felsformationen und Unterwassertunnel. Wer dort taucht, hat mitunter das Gefühl, hier wären die Alpen noch einmal unter Wasser“, schwärmt Niessner. Ein weiteres Ziel ist die südindonesische Insel Flores, wo er am Komodo-Nationalpark auf ein gemütliches Stelldichein mit Mantarochen und Haien hofft: „Das letzte Mal, als ich dort war, wimmelte es nur so davon im Wasser. Es war einfach wunderbar – bei 25 Haien habe ich aufgehört zu zählen.“

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Links / Linksammlung

© Florian Haizmann

Mehr über Timo Niessner:

Über #BeatYesterday-Autor David Siems


David Siems wohnt in unmittelbarer Nähe der Hamburger Außenalster und hat damit die beste und schönste Laufstrecke der Stadt quasi vor der Haustür. Blöderweise hat er trotzdem regelmäßig mit Motivationsproblemen zu kämpfen. Früher lief er bei Marathon-Wettkämpfen gerne als Björn Borg oder Andre Agassi verkleidet (Schläger inklusive), um sich zu pushen. Heute reicht gute Musik auf den Ohren, etwa das „Revolver“-Album von den Beatles oder Leonard Cohen.

Veröffent­lichungsdatum: 23.05.2018
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