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Nacktsport: Mit den Röllchen im Reinen

Sie sind nackt, sportlich und total glücklich dabei: Nacktsportler erleben die Natur mit kahlen Körpern. Ein Gespräch über Vorurteile, geringe Frauenquoten und Alternativen für den Winter.

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Weiße Körper schimmern aus dem Dickicht. Doch sind es keine scheuen Tiere, die vorsichtig über Moos und Reisig schleichen, Brombeersträucher, Erlen und Eschen passieren und sich gleich auf die felsige Lichtung quetschen werden. Es sind Nackedeis, erwachsene Menschen auf großer Wanderung im sächsischen Elbsandsteingebirge. Wohlgemerkt, sehr harmlose und freudvolle „weiße Wanderer”. Auf einem nahegelegenen Parkplatz haben sie sich von der Kleidung befreit und für ein paar Stunden aus dem Alltag geschält.

Aus gutem Grund lebt die Wandergesellschaft ihr Hobby fernab der Zivilisation aus. Das öffentliche Nacktsein ist immer noch tabuisiert und mit Vorurteilen behaftet. Dabei säumen Abertausende Touristen jeden Sommer die FKK-Strände an Nord- und Ostsee, verpassen ihren käseblassen Körpern einen neuen Teint. Und sogar Prominente wie der Bestseller-Autor und Schauspieler Joachim Meyerhoff, der gerne mal entblößt im Theater aufspielt, bekennen sich literarisch zum nackten Lebensgefühl. Wieso diese Vorurteile?

Das fragt sich auch Martin Nitsche, einer der besagten Nacktwanderer aus Sachsen. Der 32-Jährige organisiert Wanderungen und Kegelabende, er setzt sich ein für eine freie Körperkultur. Im #BeatYesterday.org-Interview erklärt er, warum Bewegung ohne Klamotten ein besonders intensives Erlebnis ist. Und er verrät, wie und wo Einsteiger idealerweise ihre ersten „Nacktivitäten” erleben können.

Martin Nitsche sitzt nackt auf einem Felsen im Elbsandsteingebirge
Martin Nitsche liebt das Nacktsein im Elbsandsteingebirge. © Nacktwanderfreunde

#BeatYesterday.org: Martin, warum bereitet dir sportliche Aktivität nackt mehr Freude als angezogen?

Martin Nitsche: Wir erleben die Natur intensiver. Wir spüren den Wind, die Sonnenstrahlen, auch den Regen feinfühliger. Wenn wir uns während des Rastens ins Moos oder auf den Sandstein im Gebirge sinken lassen, nehmen wir nackt viel mehr wahr als angezogen. Und beim Sport kann die Haut ohne Kleidung besser atmen. Obwohl wir uns viel bewegen, Hügel ersteigen und die Sonne einen den ganzen Tag wärmt, wir manchmal kilometerweit radeln, schwitzen wir kaum. Wir haben kein Problem mit schweißklammen Hosen. Und es müffelt auch nicht wie sonst nach dem Sport.

#BeatYesterday.org: Ihr stiefelt ganze Tage durch die Natur. Da meint es die Witterung nicht immer gut mit euch. Wann vermissen Nacktwanderer dann doch ihre Klamotten?

Martin: Eigentlich gar nicht. Manche haben Einweg-Capes dabei, wenn die Wettervorhersagen Regenschauer ankündigen. Wenn es draußen warm ist und es nur kurz regnet, trocknet nasse Haut wahnsinnig schnell. Es ist angenehmer, nackt in einen Wolkenbruch zu geraten als angezogen. Ist die Kleidung einmal richtig feucht, bleibt sie das eine ganze Weile.

#BeatYesterday.org: Nun ist bei vielen Wanderern Spezialkleidung beliebt. Flanellhemden sind leicht und schützen trotzdem die Haut. Andere setzen auf atmungsaktive Funktionsshirts. Ist das Nacktsein wirklich besser?

Martin: Es liegt doch in der menschlichen Natur, nackt zu sein. Früher sind wir „nackt“ durch das Geäst von Bäumen geklettert. Indigene Völker leben in den Urwäldern noch immer sehr freizügig, bedecken nur das Nötigste. Unsere Haut ist widerstandsfähig, sie ist für die Natur gemacht. Das scheinen wir manchmal zu vergessen.

#BeatYesterday.org: Ist Nacktsport gut für das Immunsystem?

Martin: Er härtet tatsächlich ab. Seitdem ich mich dem Naturismus verbunden fühle, seit 2015, bin ich nicht mehr krank gewesen. Früher war ich im Herbst immer erkältet. Inzwischen sind das Krankengeschichten aus einem anderen Leben. Auch sonst merke ich, dass mir kühlere Temperaturen weniger anhaben. Ich laufe auch im Winter in Sandalen zum Einkaufen.

#BeatYesterday.org: Manche genieren sich, obwohl sie eigentlich Interesse hätten, Nacktsport auszuprobieren. Wo und wie können Interessierte einen Einstieg finden?

Martin: Sie sollten es einfach mal für sich ausprobieren. Sich daheim nackt sportlich betätigen. Oder in der Natur erste Erfahrungen sammeln, zum Beispiel auf einem der beiden Nacktwanderwege in der Lüneburger Heide und im Harz. Oder Naturistenvereine kontaktieren, um Gleichgesinnte zu finden. Wir wollen den Einstieg so leicht wie möglich gestalten. Bei uns können Interessierte auch angezogen mitlaufen. Wir sind nicht militant und sagen: Du darfst nur mit, wenn du komplett nackig bist. Das ist nicht unsere Kultur. Wir wollen begeistern, nicht zwingen.

Nacktsportler beim Wandern über ein Feldweg
Frei und zügig im Felde – Nacktsportler pilgern über Mecklenburger Wiesen. © Nacktwanderfreunde

#BeatYesterday.org: Welche Grundregeln gelten beim Nacktwandern?

Martin: Es ist wenig starr festgelegt, die Menschen dürfen sich entfalten, solange sie niemandem dabei zu nahe treten. Uns ist wichtig, dass wir nirgendwo provozieren. Wir machen einen Bogen um Ortschaften, bewegen uns meistens abgelegen in der Natur. Sind unter uns – oder zumindest unter Wanderern.

#BeatYesterday.org: Wie unterscheidet sich das Nacktwandern abseits der fehlenden Kleidung von normalen Touren?

Martin: Der Austausch ist vertrauter und direkter. Wer zu seinem Körper steht, mit sich und seinen Röllchen im Reinen ist, der kommuniziert auch offener, der versteckt sich nicht hinter einer Maskerade. Das ist zwischenmenschlich sehr wohltuend. Auch andere Wanderer bemerken, wie locker die Atmosphäre in einer Nacktwandergruppe ist. Einmal trafen wir während einer Wanderung in Thüringen auf ein Ehepaar. Wir unterhielten uns, es war warm, und die beiden fragten uns, ob sie mitmachen können. War natürlich kein Problem. Sie verstauten ihre Sachen im Rucksack und waren dann Teil der Gruppe – eine tolle Erfahrung für beide Seiten. Ohne die zufällige Begegnung hätten die beiden sich das nie getraut.

#BeatYesterday.org: Wie setzt sich eine Wandergruppe zusammen, wie ist sie gesellschaftlich durchmischt?

Martin: Vom Lagerarbeiter bis zum promovierten Mathematiker – es ist sehr bunt, aber immer auf Augenhöhe. Bei uns in Sachsen könnte die Geschlechterquote aber ausgeglichener sein. Es nehmen sehr wenige Frauen an unseren Wanderungen oder an anderen Nacktivitäten teil. Schuld daran ist auch die Gesellschaft.

#BeatYesterday.org: Wie meinst du das?

Martin: Männer behandeln Frauen manchmal nicht als Menschen, sondern traurigerweise als Subjekte. Wir müssen dazu nur einmal das Thema Pornografie betrachten. Dass Frauen eine gewisse Scheu haben, sich einer Nacktwanderung anzuschließen, können wir nachvollziehen. Wenn Frauen auf uns zukommen und sich erkundigen, sagen wir immer, dass es uns allein aus eigenem Interesse sehr wichtig ist, dass sich keine Frau unangemessen behandelt oder auf ihren Körper reduziert fühlt. Seit Jahren werben wir um Akzeptanz für unser Hobby. Das würde kein Naturist durch unangemessenes Verhalten kaputtmachen wollen. Bei uns geht es beim Nacktsein nicht um das Zeigen oder Betrachten eines Körpers. Sondern um das Gefühl, komplett frei und von keiner Kleidung eingezwängt zu sein.

Frau wandert nackt über ein Feld
Nur wenige Frauen sind in Nacktwandergruppen unterwegs. Das sei auch Schuld der Gesellschaft, sagt Martin Nitsche. © Garmin

#BeatYesterday.org: Welche Vorteile bringt es, in der Gemeinschaft zu wandern?

Martin: Die Akzeptanz der Mitmenschen verändert sich. Wenn wir in der Gruppe unterwegs sind, dann wird das, was wir tun, als eine Gemeinschaftssache wahrgenommen. Ist man alleine nackt in der Natur, reagieren Passanten anders. Sie befürchten, dass es sich um einen Exhibitionisten handelt. Wobei das überhaupt nicht stimmt. Exhibitionisten nehmen sexuelle Handlungen an sich vor, belästigen und bedrängen andere Menschen mit ihrer Nacktheit. Das ist beim Nacktwandern nicht der Fall. Naturismus ist nichts Sexuelles. Es ist eine besondere Art, körperlich aktiv zu sein und die Schönheiten der Natur zu genießen.

#BeatYesterday.org: Was passiert, wenn Passanten Exhibitionisten und Nacktwanderer verwechseln?

Martin: Für gewöhnlich kommt dann die Polizei. Ein Bekannter hat das vor einiger Zeit im Münsterland erlebt. Er bewegte sich weit abseits der Öffentlichkeit in der Natur, spazierte nackt durchs Unterholz. Das haben Touristen gesehen und die Polizei alarmiert. Die ließ sich den „Vorfall“, der keiner war, erklären. Nackt in der Natur zu sein, ist keine Ordnungswidrigkeit, kein Verbrechen, es ist erlaubt, wenn Rücksicht auf andere genommen wird.

#BeatYesterday.org: Nun ist es nach einem warmen Sommer Herbst geworden. Ab wann ziehen sich Nacktsportler aus der Natur zurück?

Martin: Die untere Schmerzgrenze liegt bei 15 Grad. Dann muss es aber auch windstill sein. Ab 20 Grad ist es uns egal, wie der Wind weht.

#BeatYesterday.org: Wie können Nacktsportler im Winter ihre Leidenschaft ausüben?

Martin: Es gibt zusehends neue Angebote neben Sauna und Schwimmbad. Nackt-Yoga ist sehr beliebt. Bei den vielen verwinkelten Bewegungen soll das Nacktsein vorteilhaft sein. Ich werde es bald ausprobieren. Nacktkegeln und Nacktfußball sind ebenso interessante Alternativen. Wir sind auch schon nackt im Theater oder im Museum gewesen.

#BeatYesterday.org: Nackt im Museum?

Martin: Nach langer Organisation ging das. Es war eine Fotoausstellung mit Akt-Motiven aus der DDR. In Jena haben wir unbekleidet ein Theaterstück besucht, das „Nackt“ hieß. Die Schauspieler und Schauspielerinnen waren nackt und gut 50 Zuschauer auch. Das war für alle Beteiligten ein besonderer Abend. Diese Abenteuer bereiten wir lange vor. Wir wollen niemanden belästigen oder in seiner Freizeitgestaltung einschränken. Das Schöne ist: Wenn ein Veranstalter sich einmal darauf einlässt, machen sie es immer wieder, weil sie erkennen, dass am Nacktsein nichts Schlimmes ist. Am Strand genauso wie im Museum. Wir sind nackte und nette Gäste.

Martin Nitsche liegt nackt auf einem Sofa im Museum
Nackt im Museum – für die Nacktwanderfreunde ein besonderes Erlebnis. © Nacktwanderfreunde

#BeatYesterday.org: Was würdest du dir mehr von der Gesellschaft wünschen?

Martin: Mehr Akzeptanz. Es muss nicht jeder toll finden, was wir machen. Aber wer sich mit Naturismus und unseren Vorstellungen von Körperkultur beschäftigt, wird sehen, dass wir völlig normale Menschen sind, die die Natur hautnah erleben wollen. Beim Nacktsport ist nichts anstößig. Wer gerne nackt ist, wer sich nackt bewegen möchte, der sollte sich nicht dafür schämen müssen. Es ist das Normalste auf der Welt.

#BeatYesterday.org: Bleibt eine Frage. Bei einem etwaigen Theater- oder Museumsbesuch: Trägt der Nacktsportler auch Maske?

Martin: In der freien Natur können wir genügend Abstand halten, da können wir auf Masken verzichten. In geschlossenen Räumen ist die Maske kein Problem.

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Hannes Hilbrecht, Baujahr 93, schrieb vor #BeatYesterday für zahlreiche Online- und Printmedien. Sein Highlight: Ein Date mit LeBron James. Beim Schreiben hält er es wie seine Oma: Kein Leser soll hungernd den Tisch verlassen müssen.

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