Bibbernd steht meine achtjährige Tochter Matti am gefrorenen Ostseestrand von Warnemünde und feuert uns an. Sie ruft: „Eisbademeisters, Eisbademeisters!”
Ich spüre die Kälte, die sich schlagartig durch den ganzen Körper zieht und ihn unter Strom setzt. Impulshaft möchte ich frieren. Doch ich wehre mich. Ich lasse die Kälte zu. Mein Körper heizt schon gegen sie an. Ich schaue zu meinen Freunden hinüber, die sich auch nichts anmerken lassen. Stattdessen reißen sie Witze und schießen Selfies.
Es ist der 31. Dezember 2020. Ein besonders frostiger Eisbadetag. Wie ein Schleier liegt dichter Nebel über der 1,5 Grad Celsius kalten See. Der eisige Westwind sorgt dafür, dass sich die Lufttemperatur (minus 3°) anfühlt wie minus 10°. Dick eingepackte Touristen und Touristinnen stehen am Ufer und staunen. Sie zücken Handys, kichern und fragen sich ganz offensichtlich: Warum tun die sich das an?
Was als Schnapsidee begann, hat sich mittlerweile zu einem coolen Hobby entwickelt: Eisbaden. Woche für Woche konfrontiert es uns mit dem inneren Schweinehund, der uns mittlerweile für verrückt halten muss. Und doch haben wir dieses Mikroabenteuer vor der Haustür lieben gelernt. Wir können gar nicht mehr anders. Woche für Woche steigen wir in das eisige Meer und freuen uns über sinkende Wassertemperaturen.

Mehr als ein Sprung ins kalte Wasser
Doch um auf die Touristen und Touristinnen zurückzukommen: Warum tun wir uns das an?
Weil es um viel mehr als nur den Sprung ins kalte Wasser und die wöchentliche Challenge geht. Wir wollen jenen helfen, die wirklich frieren. Wir sammeln Spenden für die Rostocker Obdachlosenhilfe, die sich täglich für diejenigen einsetzt, die von der Gesellschaft gerne vergessen werden. Menschen ohne warme Wohnung, Menschen ohne Zuhause.
Auch abseits des karitativen Zwecks beschert einem das Eisbaden verlässlich Glücksgefühle. Der Sport hat sich in der Coronazeit zu einem wahren Trend entwickelt, den man auf Instagram sehr gut nachvollziehen kann. Wer sich nicht nur die Bilder und Videos anschaut, sondern selbst ins stahlblaue Nass wagt, traut sich aus Überzeugung.
Das sind meine fünf Gründe, warum ich eisbaden gehe.
1. Eisbaden bringt unglaublich viel Spaß
Tatsächlich hat die Wissenschaft nachgewiesen, dass Eisbaden glücklich macht. Die Kälte aktiviert das sogenannte sympathische Nervensystem. Der Körper schüttet die Hormone Endorphin und Noradrenalin aus – die uns beschwingen. Das Glück ist Eisbadern nach dem Bad durchaus anzusehen.

2. Ich war seit einem Jahr nicht mehr erkältet
Das Immunsystem wird durch die verbesserte Durchblutung nachweislich gestärkt. Seit ich im Oktober 2020 mit dem Eisbaden begann, war ich tatsächlich nicht krank. Und das trotz dreier Töchter im Schul- und Kita-Alter. Dazu kommt, dass die frische Seeluft wie ein Wundermittel gegen Stress wirkt.
3. Der Sprung ins kalte Wasser erweitert meine Komfortzone
Ich versuche, wenn möglich, immer aus meiner Komfortzone herauszukommen. Eisbaden gibt mir die Möglichkeit, mich jedes Mal selbst zu challengen. Das Gefühl, es geschafft zu haben, ist jedes Mal ein Sieg gegen mich und gegen das Gestern.

4. Ein wunderbares Naturerlebnis für die Familie
Als mittlerweile 41-jähriger Familienvater genieße ich es, draußen zu sein, auf das Meer zu blicken und einfach abzuschalten. Das gibt mehr Kraft als zehn Dosen Energiebrause. Dadurch, dass die Familie dabei ist, anfeuert, interessiert ist, bringe ich meinen Töchtern die Natur näher.
5. Wir sammeln Spenden für den guten Zweck
Schon im vergangenem Jahr nutzten wir die Aufmerksamkeit, die wir durch Printmedien, Onlineportale sowie Radio- und TV-Sender bekamen und starteten eine Fundraising-Aktion zugunsten der lokalen Obdachlosenhilfe. Auch in Hamburg gründeten sich Eisbademeisters und sammelten mit uns. Am Ende unserer ersten Saison kamen wir auf eine Spendensumme von 35.000 €. Diese floss direkt in die Infrastruktur der Obdachlosenhilfen in Rostock und Hamburg. Nun geht es wieder los und wir wollen alles geben, um die Summe aus dem letzten Winter zu toppen. Das ist unser #BeatYesterday!
Diskutiere über diesen Artikel und schreibe den ersten Kommentar:
Jetzt mitdiskutierenDiskutiere über diesen Artikel