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Im Ziel: Total geschafft aber glücklich. | © Sebastian Medwed

Geschafft: So lief mein erster Ultramarathon!

Vom Nicht-Läufer zum Ultramarathoni. Sebastian hat es geschafft und sich mit dem 73.9 Kilometer langen Rennsteiglauf seinen Traum vom Ultramarathon erfüllt.

Hallo zusammen,

ich habe es geschafft! Ich bin einen Ultramarathon gelaufen. Nach zwei Jahren hartem Training ist mein Traum auf dem Rennsteig wahr geworden.

Da ich euch auch gar nicht auf die Folter spannen möchte, wie es mir auf den 73,9 Kilometern ergangen ist, springen wir direkt ins Geschehen:

Die Anspannung vor dem Start

Als für mich um 04.00 Uhr morgens der Wecker klingelte, spürte ich sofort die Anspannung – und wie! Im Frühstücksaal des Hotels war zu bemerken, dass ich nicht der Einzige war, dem es so erging. Nachdem ich meine drei Brötchen mit Marmelade, ein Stück Kuchen und zwei kleine Tassen Kaffee verdrückt hatte – bloß keine Experimente am Ultramarathontag! – hieß es für mich nun meine Sachen zu packen und mich zum Start zu begeben. Fast alle Ultraathleten wirkten in sich gekehrt und zusammen fieberten wir den wenigen Minuten bis zum Start entgegen.

Der Startschuss zum ersten Ultramarathon

06:00 Uhr: Peng und los geht es! Rund 2000 Ultramarathonis begeben sich mit langsamen Schritten auf den 73,9 Kilometer langen Rennsteig durch den Thüringer Wald von Eisenach nach Schmiedefeld und ich bin einer davon. Wahnsinn! Der Rennsteiglauf gilt als einer der landschaftlich schönsten und zugleich anspruchsvollsten Ultramarathons Europas.

Viel Zeit, diesen Moment zu genießen, blieb mir jedoch nicht, denn nach wenigen hundert Metern wurde eines schnell klar: Es ist warm! Oh verdammt, war das warm! Gefühlt müssen es um die 20 Grad gewesen sein. Auf jeden Fall war es für diese Uhrzeit viel zu warm und damit hatte ich nicht gerechnet. Nach meiner Marathonerfahrung auf dem Rennsteig im letzten Jahr hatte ich mich auf morgendliche Kälte eingestellt. Stattdessen hörte ich in diesem Augenblick, wie sich zwei Ultraläufer darüber unterhielten, dass dieser Rennsteiglauf definitiv der wärmste seit vielen Jahren werden würde. Sie sollten Recht behalten.

Der Rennsteiglauf bietet Idylle, aber fordert auch wahnsinnige Anstrengung - spätestens ab Kilometer 65 (mittleres Bild). | © Sebastian Medwed

Ich schwitzte auch, nachdem ich mein langes Laufshirt abgelegt hatte, konnte jedoch keinen Gedanken mehr daran verschwenden, denn gleich zum Beginn meines Ultramarathons standen 25 Kilometer Anstieg auf dem Programm, welche meine volle Aufmerksamkeit verdienten. Mein Ziel war der große Inselsberg auf 916,5 Metern Höhe und ich hatte wahrhaftig großen Respekt vor der mir bevorstehenden ersten Etappe. Dadurch, dass ich im flachen Hamburg so gut wie keine Höhenmeter trainieren konnte, fand ich es sehr wichtig, an meiner vorher festgelegten Strategie festzuhalten.

Es lief. Ich fühlte mich gut und legte zusammen mit vielen anderen Ultraathleten, und dennoch für mich alleine, Kilometer für Kilometer zurück bis ich nach 3:27 Stunden den Großen Inselsberg erreichte. Nach kurzem Genießen des Ausblicks folgte ein sehr steiler Abstieg sowie 17 weitestgehend flache Kilometer bis zur magischen Marathonmarke, welche ich nach ungefähr 5:50 Stunden mit vielen weiteren Läufern erreichte. Bis dato ging meine Strategie also auf. Ich aß viel, hauptsächlich Schokoriegel und Bananen und trank regelmäßig Wasser. Nach 25 Kilometern Bergauf kamen mir die 17 Kilometer nun geradeaus fast wie Erholung vor.

Landschaftlich schön: der Thüringer Wald. | © Sebastian Medwed
Die ach so wichtigen Verpflegungspunkte. | © Sebastian Medwed
Überglücklich über das bereits Erreichte. | © Sebastian Medwed
Auf dem Weg zum großen Beerberg. Der höchste Punkt des Rennsteigs. 5 Kilometer Bergauf. | © Sebastian Medwed
In Oberhof angekommen. Und zu meiner Überraschung wartet man auf mich. | © Sebastian Medwed
Noch 20 Kilometer. Weiter geht es. | © Sebastian Medwed

Der Marathon ist geschafft, der Ultramarathon beginnt

42,125 Kilometer geschafft zu haben, war für mich etwas Besonderes. Mir wurde bewusst, dass ich ab jetzt mit jedem weiteren Schritt einen Ultramarathon laufen würde. Dieser Gedanke beflügelte mich aber nur für einen kurzen Augenblick, denn ich merkte ich zu diesem Zeitpunkt auch, dass ich schon deutlich erschöpft war. Bisher gelang es mir, von Etappe zu Etappe zu denken. Folglich lautete mein Ziel jetzt, es irgendwie bis zum Kilometer 54,7 nach Oberhof zu schaffen.

Nach ungefähr 6 Stunden laufen machte sich bemerkbar, dass ich muskulär nun endgültig am Ende war. Mir taten meine Beine bei jedem Schritt weh, doch das Wissen in genau diesem Moment den Ultramarathon zu laufen, auf den ich so lange hingearbeitet hatte, war berauschend. Nach 7 Stunden und 40 Minuten sowie 54,7 mir alles abverlangenden Kilometern kam ich in Oberhof an.

Mittlerweile tat mir nicht mehr nur alles weh, ich befand mich längst in einem für mich roten Bereich. Dennoch war ich überglücklich, soweit gesund durchgekommen zu sein. Zu meiner Überraschung wurde ich sogar von meinem persönlichen Support-Team empfangen, bestehend aus meiner Freundin und Freunden. Das pushte mich für mindestens vier weitere Kilometer unglaublich.

Jetzt war mir klar: Irgendwie werde ich die restlichen 20 Kilometer schon noch schaffen! Ich griff nochmals alles zu essen und zu trinken ab, was ich kriegen konnte, nachdem meine Vorräte bestehend aus 4 Schoko-Riegeln, einer Capri-Sonne sowie Wasser aufgebraucht waren. Ich trank meinen Rennsteigschleim – eine Kombination aus Kirschsuppe, Haferflockenbrei in seltsam dickflüssiger Konsistenz – Becher Cola, eine Apfelschorle und aß noch ein paar Stücke Banane. Doch dann kamen die schwersten Momente.

Zieleinlauf - ein surrealer Moment. | © Sebastian Medwed
Ausversehen auf Stopp gedrückt und es nicht gemerkt: 120 Meter fehlen hier. | © Sebastian Medwed
Im Ziel angekommen. Erstmal was trinken. | © Sebastian Medwed
Nach zwei Jahren Training ist es endlich vollbracht. | © Sebastian Medwed

Die 5 Kilometer, in denen mein Körper zerbrach

Der höchste Punkt des Thüringer Waldes mit einem vorausgehenden Anstieg von ungefähr 5 Kilometern bis zum Großen Beerberg mit 982m Höhe lag vor mir. Eine Tatsache, die ich bis dato komplett ignoriert hatte. Ein Fehler. Die Kilometer 60 bis 65 sollten für mich zu den härtesten des ganzen Laufs werden. Es waren sogar die anstrengendsten Kilometer, die ich bis jetzt in meinem ganzen Leben gelaufen bin. Ich kann leider nicht mehr alles ganz genau rekonstruieren. Was ich noch weiß ist, dass ich mich plötzlich in einer Extremsituation wiederfand und ich mir zum ersten und einzigen mal während des gesamten Ultramarathons nicht mehr sicher war, ob ich es gesund ins Ziel schaffen würde.

Es war die Hölle. Es ging wieder nur bergauf, alles schmerzte und die Berge zogen sich unendlich. Ich klammerte mich an den Gedanken, dass mein Ziel „nur“ noch 15 Kilometer entfernt war. Nach einem gefühlten Jahrzehnt voller Qualen erreichte ich völlig erschöpft den Großen Beerberg.

Dort angekommen nahm ich rein gar nichts mehr um mich herum wahr – aber mein Wille war auf Autopilot geschaltet. Ich war eigentlich an einem Punkt angelangt, an dem ich gefühlt hätte zusammenbrechen müssen, doch ich tat es nicht. Es war unerträglich. Aus den Zehen meines rechten Fußes war das Gefühl gewichen. Ich konnte meinen Oberkörper nicht mehr berühren, ohne einen stechenden Schmerz zu verspüren. Bei nahezu jedem Schritt drohte meine Beinmuskulatur zu verkrampfen. Ich war, wie ich auf den letzten 10 Kilometer feststellen durfte, nicht einmal mehr in der Lage, kleine Steine aus meinem Schuh herauszuholen, da ich im Stehen mein Bein nicht anheben konnte. Mein Körper war gebrochen – aber auch wenn das verrückt klingen mag – , meine Seele war überglücklich! Denn ich stand noch immer aufrecht und war irgendwie in der Lage weiterzulaufen. Trotz aller Widrigkeiten verspürte ich eine seltsame Sicherheit und war mir wieder sicher, irgendwie das Ziel Schmiedefeld zu erreichen.

Mittlerweile ist mir bewusst geworden, dass, egal, was mir physisch zugestoßen ist, ich mental den gesamten Ultramarathon über standhaft geblieben bin. Es ist mein Wille gewesen, welcher mich weiter machen ließ. Welcher mir diese Sicherheit und unfassbare Stärke verlieh. Der Situation des vollkommen körperlichen Zusammenbruchs folgte der Moment, an dem ich meine Grenzen neu definierte und anstatt aufzugeben das tat, was ich bis zu diesem Zeitpunkt für unmöglich gehalten hatte: Ich lief einfach weiter.

Und so kam es, dass ich nach 10:56:46 Stunden, 73,9 zurückgelegten Kilometern, 1.800 Höhenmetern und 5.671 verbrannten Kalorien vollkommen erschöpft und überglücklich in Schmiedefeld durch das Ziel lief. In diesem Moment bin ich zum Ultraläufer geworden!

© Sebastian Medwed

Sebastians #BeatYesterday-Kolumne


Sebastian Medwed ist 28 Jahre alt und mittlerweile begeisterter Freizeitläufer. Er schreibt auf BeatYesterday.org über seinen #BeatYesterday-Weg und die damit verbundenen Herausforderungen und Erfahrungen im alltäglichen Läuferdasein.

Hier findest du alle Beiträge von unserem Ultramarathoni im Überblick.

Veröffent­lichungsdatum: 01.06.2018
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