Unten im Tal glitzerten die weißen Pavillons im Sonnenlicht.
Ich beobachtete das Ziel vom letzten Gipfel des Rocky-Mountains-Ultratrails. Die heiße Luft flirrte, die Sonne schien mir stoisch auf den Kopf. Es müssen 40 Grad gewesen sein. Trotzdem fühlte ich mich unfassbar gut.
Nach sechs Etappen durchs Gebirge, jede einzelne länger als ein Marathon, ging es ab diesem Zeitpunkt nur noch bergab. Die Schwerkraft würde mich und meine Beine schon ins Tal ziehen. Bereits einige Meilen vor dem Ziel fühlte ich mich wie angekommen. Ich haute mir meinen liebsten Death Metal auf die Ohren und brauste den letzten Downhill hinab.

Der Kopf voll mit Glück
Rasch kam ich in den Flow. Meine Beine bewegten sich beinahe automatisch, ich verschmolz mit dem Trail. Durch das Geäst der Kiefern konnte ich manchmal einen Panoramablick auf die Rockies erhaschen. Die mächtige Felsenkette schwang sich schroff über das Land. So schön, so einmalig, so gewaltig. Dieser Anblick kann einem die Gedanken vernebeln. Für Schmerz und Erschöpfung ist dann kein Platz. Der Kopf ist voll mit Glück.
Als alles perfekt war, kamen mir die Tränen. Sie schossen ungebremst aus meinen Augen und rannen mir in breiten Bahnen über die Wangen. Ich war sicher nicht betrübt, nicht unglücklich, aber es waren auch keine Freudentränen. Ich wollte nicht ins Ziel. Ich wollte nicht, dass die letzten Momente in Colorados Höhen mit jedem Schritt näher kamen. Ich überlegte ernsthaft, umzudrehen und den Bergabhang wieder hoch zu hetzen. Ich hätte ewig auf diesem Trail bleiben können.
Der Trail-Rock-Soundtrack von Juliane Ilgert
Stocksauer über die Ziellinie
Noch einen Monat vor Colorado wachte ich eines Abends unter der Dusche auf. Unter dem heißen Wasserstrahl war ich weggedöst. Meine Beine schwer wie Blei, der Kopf leer, die Stimmung trüb. „Nie wieder Trail. Nie, nie mehr”, hatte ich mir geschworen, als ich langsam zu mir kam.
Am selben Tag, ein paar Stunden zuvor, irgendwann im Juni 2012, hatte ich am Zugspitz-Ultratrail teilgenommen. Mein erster offizieller Berglauf. 101 Kilometer rund um den markantesten deutschen Gipfel. Tausende Höhenmeter, die dünne Luft – insgesamt eine Strecke, die mich mit jedem Meter mehr ausquetschen sollte.
Zwischendurch glaubte ich, dass ich sterbe. Ich hatte nichts dagegen. Ich wollte nicht mehr. Mein Geist war schlapp und meine Beine auch. Als ich mich über die Ziellinie schleppte, platzte keine Freude aus mir heraus. Ich war stocksauer und fühlte mich wie ein Kaugummi. Durchgekaut und ausgespuckt.

Wertvolle Rückschläge
Dass ich ein paar Wochen nach dem Zugspitz-Dilemma einen Überseeflug antrat und ich noch mal den Wahnsinn Ultratrail wagte, hatte mit einem Preisausschreiben zu tun. Lange vor dem Zugspitzen-Erlebnis hatte ich bei der Aktion eines Trail-Magazins diese Reise abgestaubt und der Redaktion bereits zugesagt.
Ich überlegte ernsthaft, den Trip zu canceln. Was sollte ich da? Ich hatte doch gemerkt, dass mir der Zieleinlauf die großen Qualen nicht wert war. Dass ich mir in einem Moment, der mit Glück überschwemmen sollte, total bescheuert vorkam.
Colorado, die Rockies, eine tolle Reisegruppe – vielleicht würde ich es mir nie verzeihen, wenn ich diese Chance verstreichen ließ. Und es gab noch ein anderes, zunächst sehr schüchternes, dann aber stärker pulsierendes Gefühl. Eines, das ich bereits mehrmals in meinem Leben spüren durfte: der aufbegehrende Optimismus nach einem Rückschlag.
Mir waren zu diesem Zeitpunkt einige Dinge missglückt. Ich habe Uni-Klausuren so dermaßen verhauen, dass ich dachte, dass es das mit dem Jurastudium gewesen sein muss. Dass ich niemals Juristin werde. Ich hatte bittere zwischenmenschliche Enttäuschungen erlebt.
Dadurch, dass mich das Scheitern stets motiviert hatte, verstand ich, dass Rückschläge für mich stets der Beginn eines Fortschritts waren. Vermasselte ich eine Arbeit, gelang die nächste richtig gut. Das Gefühl, etwas nicht geschafft zu haben, spornte mich unglaublich an. Womöglich brauchte ich diese Rückschläge, um über mich hinaus zu wachsen.
Eine der besten Entscheidungen meines Lebens
Der erste offizielle Berglauf auf die Zugspitze war so eine Situation. Mit einigen Tagen Abstand fühlte ich tief in mir, dass es beim nächsten Versuch besser werden würde. Diese Affirmation half, das Abenteuer Rockies zu wagen. Eine der besten Entscheidungen meines Lebens.
Wenn ich heute als Juristin in einer internationalen Kanzlei für Arbeitsrecht Enttäuschungen erlebe oder ich mich beim Laufen madig fühle, helfen mir diese Erfahrungen. Ein Rückschlag ist nichts Schlechtes. Er kann etwas Gutes sein. Wenn ich ihn annehme und etwas aus ihm mache.

Traillaufen ist Kopfsache
Der Kopf ist beim Traillaufen das Wichtigste. Denn an sich ist das Laufen nicht schwierig. Einen Fuß vor den anderen setzen. Das können die meisten Menschen. Entscheidend ist das Überstehen von schweren Phasen. Wer im Training und im Wettkampf durch die Tiefs kommt, wird schnell längere Distanzen laufen können. Wer viel trainiert, kann sich auf die härtesten Trails vorbereiten. jede*r kann es schaffen. Egal, wie sportlich oder unsportlich. Ist der Wille stark, zieht der Körper nach. Ich selbst bin ein gutes Beispiel dafür.
In meiner Schulzeit war ich unsportlich. Normalerweise ist Sport ein Schulfach, um den Notendurchschnitt aufzubessern. In meiner Klasse nutzten die meisten Kinder diese Chance. Nur Juliane nicht.
Ich, der Körperklaus
Ich hatte Angst vorm Ball. Mein Koordinationsgeschick war mangelhaft. Mir fehlte Rhythmus und Feinmotorik. Meine Sportlehrerin nannte mich einen Körperklaus. Und das bin ich heute noch. Erst neulich flog ich aus einem Fitnessstudiokurs, weil ich mich ungelenk anstellte.
Vor zehn Jahren hätte ich nie gedacht, dass ich mal Bergläuferin werde. Dass ich sogar Etappenrennen wie den Dalmacija Ultratrail in Kroatien gewinnen könnte. Das lag fernab meiner Vorstellungskraft. Ich hatte mit dem normalen Laufen im Sauerland begonnen, weil es ein wichtiger Ausgleich war und mir der Sport während meines Studiums guttat. Ich rannte einen Marathon, weil ich das einmal gemacht haben wollte. Den Zugspitzlauf absolvierte ich, weil Werbeanzeigen meine Neugier geweckt hatten.

Viel für den Berg geopfert
Die endgültige und unzähmbare Liebe zum Berg entflammte im Jahr 2017. Es war eine schwierige Zeit. Mein Vater starb.
Sein Tod nahm mich arg mit. Ich fand kaum Trost. An einem einzigen Ort spürte ich in dieser Zeit so etwas wie Leichtigkeit. In den Bergen. Dort waren die Gedanken nicht schwer. Dort war ich trotz des Verlustes glücklich, abgelenkt, mit angenehmen Dingen beschäftigt. In den Alpen kletterte ich aus meinem tiefen Loch empor.
Für die Berge habe ich vieles geopfert. Ich brach mit der Beziehung zu meinem Partner, weil er meine Leidenschaft nicht unterstützen wollte. Er fand das mit dem Traillaufen nicht gut. War besorgt. Es sei zu gefährlich. Ich zu zierlich dafür. Das sei eben alles nichts für Frauen wie mich.
Den Job in der Kanzlei wählte ich bewusst, um näher an den Alpen zu sein. Ich zog aus meiner Heimatstadt Hemer erst nach München und demnächst nach Garmisch-Partenkirchen.
jede*r kann es schaffen
Viele Menschen trauen sich das Trail- oder Berglaufen nicht zu. Das höre ich in Gesprächen. Manche denken, dass der Nachteil gegenüber denjenigen zu groß wäre, die im Gebirge aufgewachsen sind. Die sich über Jahrzehnte an die dünne Luft und an die steilen Steigungen gewöhnen durften. Der Nachteil existiert. Es ist eine halbe Wahrheit.
Auch die Neuen haben einen großen Vorteil, wenn sie mit dem Sport im Hochland beginnen. Sie sind noch nicht bergsatt. Für sie ist jeder Moment und jeder Ausblick besonders. Der Kopf ist so abgelenkt, dass er einen nicht so schnell ausbremsen mag.
Neben der Motivation braucht es das richtige Equipment. Berge sind toll, aber sie bergen genauso Gefahren. Steile Abhänge, Wetterwechsel, die Einsamkeit. Vernünftige Schuhe sind elementar. Durch meine Partnerschaft mit Asics bin ich seit jeher mit speziellen Trailschuhen ausgestattet. Ein gutes Profil gibt Halt in technisch anspruchsvollen Passagen.

Die Uhr, das Sicherungsseil
Fast noch wichtiger sind verlässliche Navigationshelfer. Ohne meine Smartwatch von Garmin hätte ich mich schon ein paarmal hoffnungslos verfranzt, wäre bestimmt am Berg verschollen. Ich bin weder ein Koordinations- noch ein Orientierungsprofi.
Stehe ich plötzlich im Nirgendwo und weiß nicht, wie ich auf den Trail zurückkomme, nutze ich die TracBack-Funktion meiner Smartwatch. Die Garmin lotst Verirrte und Verwirrte wie mich in Sicherheit. Das rettet Leben.
Ohne meine Uhr gehe ich nicht in die Berge. Ist sie noch nicht voll aufgeladen, muss ich warten. Meine Garmin ist mein Sicherungsseil. Sie macht viele Abenteuer erst möglich.
Finde den Weg zurück. Mit der TracBack Funktion
Du bist auf einem unbekanntem Trail unterwegs, hast keine Brotkrümel den Weg entlang gestreut und nun die Orientierung verloren? Mit der TracBack Funktion auf deiner Garmin Smartwatch findest du den Weg zurück. Zeichnest du deinen Track auf, erstellt deine Uhr automatisch den möglichen Rückweg anhand der gespeicherten Positionspunkte. Du musst die Wegpunkte nicht manuell eingeben und kannst dich ganz auf deinen Trail fokussieren.
Klüger, stärker, sensibler
Viele, die mit dem Berg- und Traillaufen wachsen, wollen irgendwann höher hinaus. Das ist eine bekannte Nebenwirkung der Bergliebe. Je mehr ich erlebe, desto weiter zieht es mich nach oben. Vor ein paar Jahren unternahm ich eine Expedition zum Elbrus, einem 5.642 Meter hohen Ungetüm im russischen Kaukasus.
Während der Reise wurde ich höhenkrank. Ich musste mich übergeben, brach auf den Fels, bekam schlecht Luft. Ich hatte Angst, nicht wieder runterzukommen. Wie damals an der Zugspitze haderte ich mit mir. Aber ich machte weiter. Rückschläge gehören nunmal dazu.
Es ist nicht schlimm, sich Dinge vorzunehmen und dann an ihnen zu verzweifeln. Die Erfahrungen können wertvoll sein. Sie machen uns stärker, sensibler und klüger.
Das Elbrus-Abenteuer hilft mir mittlerweile auf jedem Trail. Egal, wie anstrengend es gerade ist, wie erschöpft ich mich fühle: Wenigstens übergebe ich mich nicht auf den Berg. Wenigstens sterbe ich heute nicht. Wer vorsichtig neue Grenzen auslotet und offen ist für Neues, wird am Ende davon profitieren. Als Sportler*in. Vor allem als Mensch.
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