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Frisches Gemüse wird durch eine Lupe betrachtet
© iStock.com/conejota

Orthorexie – wenn ein gesunder Lebensstil krankhaft wird

Orthorexie beschreibt ein zwanghaftes Verhalten rund um eine kontrolliert gesunde Ernährung. Doch was ist noch normal und was schon krank? Autorin Judith Sylla hat sich mit der Frage beschäftigt.

Zum ersten Mal begegnete mir das Wort „Orthorexie“ vor etwa einem Jahr, als mir meine Mutter einen Zeitungsausriss unter die Nase hielt. Darin stand, dass Menschen, deren Gedanken und Handlungen sich fast schon streng religiös um die Qualität, die Zubereitung und die Einnahme ihrer Nahrung drehen, unter Orthorexie leiden. Ein Wink mit dem Zaunpfahl? Hielt sie mich möglicherweise für orthorektisch?

Noch bevor ich den Artikel zu Ende gelesen hatte, regte sich bei mir innerer Protest: Wieso gibt es neuerdings einen Begriff, der Menschen, die sich gesund ernähren, als krank abstempelt? Und weshalb existiert kein Krankheitsbegriff für Menschen, die sich täglich phosphatgeladenes Fast Food und literweise Softdrinks reinziehen und deren tägliche Gemüseportion aus der Konserve kommt? Das ist meiner Meinung nach krank und es macht auch erwiesenermaßen krank.

Bin ich orthorektisch?

Ja, ich gebe zu, ich mache mir wirklich Gedanken darüber, woher mein Essen kommt und wie „rein“ es ist. Ich trinke, wenn möglich, nur Wasser aus Glasflaschen, da die in Plastikflaschen enthaltenen Weichmacher (Phthalate) nachweislich in den Flascheninhalt übergehen und unter dem Verdacht stehen, krebserregend zu sein. In jedem Fall können sie in gewisser Menge im Körper hormonverändernd wirken. Bei Getreideerzeugnissen, Obst und Gemüse greife ich zu 90% zu Ware aus biologischem Anbau, um die Pestizidaufnahme zu minimieren. Und billiges Fleisch aus dem Discounter kommt mir schon gar nicht in den Einkaufswagen. Die Gründe dafür sind hinlänglich bekannt: miese Haltungsbedingungen, schlechtes Futter und bis unter die Hutschnur mit Antibiotika vollgepumpte Tiere. Bin ich deshalb orthorektisch? Nein! Laut Experten könnte mein Verhalten allerdings ein möglicher Weg in die Orthorexie sein.

© iStock.com/demaerre

Was versteht die Verhaltenspsychologie unter Orthorexie?

Bisher gibt es nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen zur Orthorexie. Ein Grund, warum Orthorexie, bzw. „Orthorexia nervosa“ noch nicht offiziell als Krankheit anerkannt ist. Manche Experten streiten noch darüber, ob es sich um eine Essstörung handelt. Dennoch ist Orthorexie bereits ein gängiger Begriff für eine verhaltenspsychologische Ernährungsstörung.

Zwanghaft gesund sein zu wollen, beginnt meist schleichend. Die Ursache liegt in der Angst, dem Körper durch vermeintlich ungesunde Ernährung zu schaden. Gesunder Nahrung wird ein immer größerer Stellenwert im Alltag eingeräumt und immer mehr Lebensmittel werden vom Speiseplan gestrichen. Gluten- und lactosehaltige Produkte sind plötzlich tabu, der nächste Lebensmittelskandal verdirbt den Appetit auf Fleisch oder Eier. Oftmals wird eine vegane Ernährung auch als erster Schritt in die Orthorexie angesehen.

Die Ähnlichkeit des Begriffs Orthorexie mit dem Begriff „Anorexie“ (Magersucht) ist nicht zufällig. Die Gemeinsamkeit liegt im Kontrollzwang. Während Magersüchtige die Kontrolle über die Menge ihrer Nahrung behalten wollen, ist orthorektischen Menschen die Kontrolle über Herkunft, Zubereitung und Einnahmezeitpunkt ihrer Nahrung wichtig. Die Orthorexie hat aber auch Parallelen zur Zwangsneurose. Mit dem Unterschied, dass Menschen mit Waschzwang oder anderen Zwängen ihr fremdartiges Verhalten bewusst ist und sie sich dafür schämen. Orthorektiker hingegen sehen nichts Falsches in ihrer Ernährungsweise. Im Gegenteil, sie sind tief überzeugt, dass ihr Weg der einzig richtige ist und sie versuchen, Freunde und Bekannte zu missionieren.

Der Begriff „Orthorexie“ ist eine Kombination aus dem Griechischen orthós „richtig“ und órexis „Appetit“.

Beobachtet und beschrieben wurde die Fixierung auf die vermeintlich einzig gesunde Ernährung erstmals 1997 durch den US-amerikanische Arzt Steven Bratman, der selbst davon betroffen war. Er bemerkte, dass der Gedanke an gesundes Essen alles andere überlagerte. Gemüse musste erntefrisch aus seinem Garten binnen 15 Minuten verarbeitet werden. Nur wenn er alleine aß, so war er überzeugt, habe er die nötige innere Ruhe für die optimale Verdauung. Und wenn er von seinen Essensregeln durch äußere Einflüsse doch mal abweichen musste, bestrafte er sich mit Fasten.

Aus eigener Erfahrung schreibt er: „Jemand, der den ganzen Tag damit verbringt, nur Tofu und Quinoa-Kekse zu essen, kann sich so heilig fühlen wie jemand, der sein ganzes Leben der Unterstützung der Obdachlosen gewidmet hat.“

Folgen der Orthorexie

Wenn sich das Bedürfnis nach gesunder Ernährung zum Zwang entwickelt, wird der organisatorische Aufwand immer höher, gleichzeitig treten Genuss und Freude am Essen mehr und mehr in den Hintergrund. Restaurantbesuche oder Einladungen bei Freunden werden vermieden, aus Angst vor dem Kontrollverlust über Qualität und Zubereitungsweise des Essens. Dadurch isolieren sich Betroffene nach und nach von ihrem sozialen Umfeld.

Je extremer das Streben nach perfekter Ernährung wird, umso gravierender zeigen sich mit der Zeit auch gesundheitliche Folgen. Durch die strenge Selektion der Nahrungsmittel sind Mangelerscheinungen vorprogrammiert. Stoffwechselprozesse laufen nicht mehr richtig ab. Der Körper versucht mit seiner Energie und seinen Nährstoffen hauszuhalten und die Betroffenen fühlen sich schlapp. Bei Frauen setzt irgendwann die Periode aus.

Verbreitung von Orthorexie in Deutschland

Aufgrund der wenigen Studien kann das Ausmaß der Orthorexie bisher nicht genau beziffert werden. Eine Online-Erhebung von stern.de ergab, dass von den 2.000 befragten Personen 22 aufgrund der sehr strengen Kriterien bei der Befragung als orthorektisch eingestuft werden konnten. Diese Menschen lassen keinerlei Ausnahmen in ihrer Ernährungsweise zu. Auf die deutsche Bevölkerung hochgerechnet, sind vermutlich etwa ein Prozent der Deutschen betroffen.

Mein persönliches Fazit: Fluch und Segen einer Namensgebung

Auch nach dem Fakten-Check kann ich immer noch sagen: Von Orthorexie bin ich weit entfernt. Ich gehe sehr gern in Restaurants und nehme Einladungen meiner Freunde zum Essen in Vorfreude an, obwohl ich über Herkunft und Zubereitungsart des Essens nicht informiert bin. Und klar, greife ich unterwegs auch mal zur PET-Flasche oder einem Fast-Food-Snack, ohne deshalb in Weltuntergangsstimmung zu geraten.

Orthorektisch hin oder her, ich glaube von mir behaupten zu können, dass ich einen weitaus größeren Wert auf gesunde Ernährung lege als der Durchschnitt der Bevölkerung. Durchaus kritisch beurteile ich jedoch die mediale Aufmerksamkeit, die jetzt schon dem Thema „Orthorexie“ gilt und möglicherweise noch zunehmen wird. Wenn gesunde Ernährung zum Zwang wird, unter dem Körper und Geist leiden, dann ist das allerdings ein ernst zu nehmendes Problem. Je nach Ausmaß werden Betroffene fachliche Hilfe benötigen. Andererseits sollte mit dem Begriff Orthorexie auch nicht leichtfertig umgegangen werden. Eine zu negative Beschreibung für eine gesunde Ernährungsweise könnte einige Menschen darin bestärken, sich weiterhin ruhigen Gewissens schlecht zu ernähren und einmal mehr mit dem Finger auf uns Ernährungsbewusste zu zeigen.

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Was aber ist eigentlich normal? Fakt ist: Noch nie wussten wir so viel über Ernährung wie heute. Was ist gesund, was ist ungesund und warum? Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt 2 Portionen Obst (ca. 250 g) und 3 Portionen Gemüse (ca. 400 g) pro Tag. Auch Milch- und Getreideprodukte sollen täglich auf den Tisch kommen, wobei bei Getreide die Vollkornvariante bevorzugt werden sollte. Genauso wie ungesättigte Fettsäuren den gesättigten vorgezogen werden sollten. Fleisch sollte nicht täglich gegessen werden, aber bitte zweimal in der Woche Fisch!

Wenn ich allerdings auf den Frühstücksteller des Durchschnittsdeutschen mit Brötchen aus Weißmehl, Butter und wahlweise Marmelade oder Salami blicke, frage ich mich, ob all das Wissen und die Empfehlungen die Menschen entweder nicht erreichen oder ob sie ihnen schlichtweg egal sind? Ein kurzer Genuss für den Gaumen, aber null Vitamine und Mineralstoffe für den Körper. Fett- und zuckerhaltige Nahrungsmittel in Kombination mit industriell zugesetzten Stoffen machen süchtig, weil sie den Hormonhaushalt manipulieren. Das haben zahlreiche Studien bewiesen. Sind Menschen, die tagein tagaus „leere“ Kalorien essen am Ende nicht die Kranken? Junkies der Lebensmittelindustrie, die suchtartig Chips und Donuts konsumieren?
Wer überhaupt entscheidet, was normal ist und was unnormal und deshalb krankhaft? Wenn wirklich alles einen Namen haben muss, wäre es an der Zeit, auch der ungesunden Ernährungsweise einem Namen zu geben. Wie wäre es mit Lathorexie? „Falscher Appetit“!

Neulich an der Kasse musste ich doch glatt mal das Handy zücken: unterschiedlicher können Einkäufe kaum sein - es liegt nahe, welcher meiner ist! | © Judith Sylla

Über Judith Sylla

Portrait Judith Sylla
Judith Sylla

Über Judith Sylla


Beruflich ist Judith seit 17 Jahren in der Medienwelt unterwegs, und genauso lange in der Sport- und Fitnesswelt. Bisher allerdings rein privat. Für #BeatYesterday kann sie ihre Leidenschaft nun mit ihrem Beruf verbinden und über die neuesten Trends, Forschungsergebnisse und Tipps in Sachen Training und Ernährung schreiben. Sie liebt das Experimentieren mit ihrem Körper und das Austesten ihrer Leistungsgrenzen. Judiths Erfolgsrezept nach jahrelangem Ausprobieren: Aus allem das Sinnvollste rauspicken und kombinieren. Sie freut sich, ihre Erfahrungen mit euch zu teilen, und euch damit direkter zum Ziel zu führen.

Veröffent­lichungsdatum: 01.11.2017
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