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Spaß und Schweiß auf Schotterpisten: Tobias Riedl beim Gravel-Etappenrennen in Glattfelden/Schweiz. | © alphafoto.com

Im Gravel-Race-Fieber: beim Etappenrennen im Zürcher Unterland

Die TORTOUR Gravel ist das erste Gravel-Etappenrennen der Welt. Tobias Riedl war mittendrin – startete auf den Schweizer Schotterpisten und nächtigte im Camper-Van.

Was mache ich hier eigentlich? Die Radschuhe versinken in knöcheltiefem Schnee, ich schultere mein Rad, stapfe kilometerweit bergauf. Mit Radfahren hat das wenig zu tun. Steige ich wieder auf meinen Crosser, muss ich ihn über Eisplatten manövrieren, die den Forstweg fliesen. Es weht ein böiger Wind, die Temperaturen liegen nur knapp über Null. Doch ich habe es mir so ausgesucht: Ich befinde mich auf der Königsetappe der TORTOUR, einem dreitägigen Gravel-Etappenrennen in der Schweiz.

Treppen und Schiebepassagen gehören zu jedem echten Gravel-Race. | © alphafoto.com

Vor mir liegen noch über 100 harte Gravel-Kilometer. Wie soll ich das bloß schaffen, frage ich mich bei jedem Schritt und nach jeder Kurve hinter der wieder Eis und Schnee warten. Ich meine damit nicht meine körperliche Verfassung: Wandern kann ich, technisch bin ich von Mountainbike- und Querfeldeinrennen einiges gewohnt und um Kraft und Ausdauer mache ich mir auch keine Sorgen. Allerdings komme ich hier an meine mentale Grenze, die ich in dieser Form selbst auf 120-Kilometer langen MTB-Rennen mit deutlich mehr Höhenmetern bisher noch nicht einmal angekratzt hatte.

Ein neues Rennformat mit neuen Herausforderungen

Ich bin sicher nicht der Einzige, den das Rennen mental herausfordert. Hier heißt es: halte zu deinem Bike, egal bei welchem Wetter, egal auf welchem Untergrund. Rund 120 Teilnehmer stehen in diesem Jahr bei der TORTOUR in Glattfelden nahe Schaffhausen am Start. Solo-Fahrer wie ich und Zweier-Teams, unter denen sich auch der Ex-„US Postal“-Profi Tyler Hamilton mit Teamkollegen Martin Elmiger, vierfacher Schweizer Meister, befinden. 177 Kilometer und 2.750 Höhenmeter gilt es in drei Tagen unter die Gravel-Räder zu bringen.

Worum es bei der TORTOUR geht? In erster Linie um Spaß auf dem Gravelbike, Freude am Schotter und Kameradschaft unter den Teilnehmern. Die Veranstalter haben die Strecken mit Liebe geplant, das wird schnell klar. Das Rennen ist eine erstklassige Möglichkeit, auch im Winter Rennfieber zu erleben und um zu testen, ob das Alternativtraining gefruchtet hat. Doch dieses Mal geht es für mich auch um etwas Anderes, das wird mir an besagter Schlüsselstelle der zweiten Etappe, die unter dem Motto „Conquer the Hills“steht, klar: es geht um mentale Ausdauer und die Bereitschaft, Grenzen zu überschreiten.

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Bei der TORTOUR waren 120 Teilnehmer am Start. Bei stürmischer Witterung profitieren die Fahrer auf Flachpassagen vom Windschatten in der Gruppe.

Was sind Gravel Races?

Seit einigen Jahren gibt es auch in Europa immer mehr Gravel-Events. Die englische Bezeichnung Gravel Race hat ihren Ursprung in den USA und bezeichnet ein Rad-Rennen, das auf unbefestigten Wegen (Schotterstraßen) ausgetragen wird. Das Rennformat verlangt technisches Können wie beim Querfeldeinrennen (Cyclocross) und Ausdauer wie beim Rad-Marathon. Im Gegensatz zum Cyclocross-Rennen, fahren die Sportler beim Gravel Race keinen Rundkurs ab, sondern legen längere Distanzen am Stück zurück.

Es gibt eine Zeitmessung, die die Gravel Races für Profis genauso wie für Jedermänner interessant machen und von einem Gravel Ride ohne Zeitmessung unterscheiden. Aufgrund des kupierten Geländes gilt das Rennen als besonders herausfordernd und kräftezehrend.

Nach der Königsetappe endlich im Zwischenziel

„Hätte ich dort oben am Berg gestanden, hätten mich die Radler wahrscheinlich erwürgt“, sagt Mario Klaus, Präsident des Organisationskomitees als ich nach der zweiten Etappe mit 73 Kilometern und etwas mehr als 1.550 Höhenmetern nach rund 4 Stunden ins Etappenziel komme. Er gratuliert jedem Fahrer mit Handschlag. Die Atmosphäre im Zielbereich ist familiär, das mildert die Qualen des unerwarteten Wandertags. Mario Klaus verspricht für die dritte Etappe weniger Eis, dafür mehr reinrassige Gravelpisten. In diesem Moment kann und will ich nicht an Morgen denken. Ein zarter Gedanke des Aufgebens keimt auf, ich halte es mir offen.

Ein Haus an der Strecke: Ausgangspunkt für jede Etappe war Tobias Camper-Van. | © privat

Ich wasche mein Rad und bin froh, an meinem Camper-Van sofort etwas Warmes essen und trinken zu können. Danach steht für mich die Dusche auf dem Programm. Doch anschließend kann ich mich noch nicht ausruhen, ich muss erst alle Vorbereitungen für morgen treffen: zuerst das Rad auf mögliche Defekte prüfen, dann meine Klamotten waschen. Das erste Set habe ich schon beim Prolog, der ersten Etappe der TORTOUR, eingesaut. Dabei sind wir achtmal eine Runde durch ein schlammiges Kieswerk gefahren – bis die Sonne unterging, der Tacho 20 Kilometer zeigte und die Beine nicht mehr wollten.

Mein Camper steht am letzten Streckenabschnitt, Stunden nachdem ich ins Etappenziel fuhr, rollen nun noch Teilnehmer ein. Ich habe großen Respekt. Jeder geht hier an die Grenzen. Die gewaschenen Klamotten hänge ich in der Toilette meines Wohnmobils auf und stelle die Heizung und Lüftung auf Hochbetrieb. Mit etwas Glück muss ich auf der dritten und letzten Etappe nicht in nasser Kleidung fahren. Ich koche Nudeln, endlich ausruhen. Nachts prasselt Regen aufs Dach, der Wind rüttelt am Bus.

Am letzten Tag kommt Rennroutine auf

Als der Wecker am dritten Tag klingelt, bin ich beinahe überrascht über die Routine, die sich in den Abläufen eingeschlichen hat. Ich frühstücke, mache mein Rad fertig, ziehe mich an. Die Heizung im Camper hat gute Dienste geleistet: Klamotten und Radschuhe sind tatsächlich trocken geworden. Heute mache ich nicht den Fehler, mich wieder zu warm anzuziehen. Ich zeichne meine Fahrt wie jeden Tag mit meinem GPS-Fahrradcomputer Edge 800 von Garmin auf und schalte zudem den GPS-Tracker wieder ein, den jeder Teilnehmer vom Veranstalter bekommen hat (er gehört aus Sicherheitsgründen zur Pflichtausstattung auf der zweiten und dritten Etappe), fahre mich warm und rolle zur Startlinie.

Die Routine beim Etappenrennen: Rad waschen, anziehen und Equipment checken. | © privat

Kaum zu glauben, dass ich gestern noch ans Aufgeben gedacht hatte. Das Gravel-Race-Fieber hat mich tatsächlich erfasst. Obwohl ich nach den zwei Tagen kaputt sein sollte, fühle ich mich nun bereiter als zu Beginn. Auch die anderen Teilnehmer schauen müde aber startbereit. Mit 84 Kilometern kommt heute die längste der drei Etappen auf uns zu, allerdings haben wir die hohen Berge schon gestern hinter uns gelassen und dürfen uns auf Gravel in seiner reinsten Form freuen. Die Strecke führt entlang der Flüsse Rhein, Töss und Glatt. Vergleichsweise humane 900 Höhenmeter stehen auf dem Programm.

Jetzt spüre ich: Nach den zwei Tagen ist mein Körper aus dem Winterschlaf erwacht. Es läuft erstaunlich gut. Zwar startet die Strecke mit einer langen Treppe, doch danach wird es schnell. Ich komme auf eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 28 km/h. Um den Anschluss an die Gruppe nicht zu verlieren, halte ich heute nicht mal an den Verpflegungsstationen an. Da es immer noch sehr windig ist, ist es auf Flachpassagen wichtig, eine solche Gruppe zu finden, um vom Windschatten zu profitieren und Kräfte zu sparen. Denn zwischendurch fordern knackige Anstiege mit über 20 Prozent Steigung volle Power. Doch die Schmerzen in den Oberschenkeln sind auf flowigen Trails und bei Aussichten auf die schneebedeckten Alpen schnell wieder vergessen. Ich komme unter den Top 10 ins Ziel und freue mich wie lange nicht auf eine warme Dusche.

Nach 3 Tagen, knapp 180 Kilometern und 2.750 Höhenmetern hält Tobias die Finisher-Medaille in Händen. | © privat

In der Gesamtwertung erreichte ich nach den drei Tagen den 11. Platz. Gewonnen hat der Schweizer Radprofi Simon Zahner. Ich bin glücklich, dass ich bis zum Schluss weitergemacht habe und mir diese schöne letzte Etappe nicht habe nehmen lassen. Ich bin froh, durch die TORTOUR ohne technische Probleme, Plattfuß und Sturz durchgekommen zu sein. Das Rennen war erstklassig organisiert und der Zusammenhalt unter den Teilnehmern sehr gut – die Starts waren nie stressig.

Und wie das immer so ist, bei Dingen von denen man währenddessen behauptet, man mache sie nie wieder, schiele ich jetzt schon aufs nächste Gravel-Event. Ich habe definitiv ein neues Rennformat für mich entdeckt.

In 2020 findet das Jedermann-Gravel-Race der TORTOUR im Rahmen der Cyclocross-WM in Zürich/Dübendorf statt. Die neue Herausforderung: Es wird ein Night-Race.

4 weitere spannende Gravel Races in Europa

  • England

    Beim „Dirty Reiver 200″ in der atemberaubenden Landschaft von Nordengland bringen die Fahrer 200, 130 oder 65 Kilometer am Stück unter die Reifen. 12. bis 13. April 2019.
    www.dirtyreiver.co.uk
  • Belgien

    Die 250 Kilometer lange Strecke bei „Gravel Bootleggers“ führt über die härtesten Abschnitte von Paris-Roubaix und der Flandern-Rundfahrt. Im Ziel wartet ein kühles Bier. 13. April 2019.
    www.maltenibeer.com
  • Österreich

    Der „Gravel Marathon“ in Bad Goisern im Salzkammergut ist Teil der Salzkammergut-Trophy. Feinste Schotterpisten warten auf die Teilnehmer. 13. Juli 2019.
    www.salzkammergut-trophy.at
  • Schottland

    Die „Grinduro“ fand ursprünglich in Kalifornien statt und definierte ein neues Wettkampf-Format unter Kies-Liebhabern. Seit 2017 wird das Schotterfest auf der schottischen Isle of Arran ausgefahren. 13 Juli 2019.
    www.grinduro.com

© privat

Über #BeatYesterday-Autor Tobias Riedl


Beruflich ist Tobias Riedl in der Luftfahrtbranche tätig. In seiner Freizeit mag er jedoch gute Bodenhaftung: seit seinem 15. Lebensjahr ist er dem Radsport verfallen, fährt Rennrad, Mountainbike und Cyclocross. Wenn er nicht gerade bei einem Rennen am Start steht, erkundet er gern wilde Passstraßen oder geht mit Kamera im Gepäck in die Berge.

Veröffent­lichungsdatum: 01.03.2019
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