Wie lange kann ich noch ganz vorne mitfahren?
Diese Frage stelle ich mir oft. Die Antwort entscheidet über meine Zukunft. Aber der Reihe nach.
Mit sechs Jahren habe ich mit dem Mountainbiken begonnen. Wie viele Gleichaltrige hatte ich den Kopf voll mit Träumen. Schon damals sehnte ich mich nach Weltmeistertiteln. Ich wollte der Beste sein. Eine Erinnerung ist mir aus dieser Zeit besonders präsent. Meine Mutter kramt die Anekdote häufig auf Familientreffen heraus.
Ich war etwa zwölf Jahre alt. Als Nachwuchsfahrer fuhr ich damals erfolgreich. Pokale und Medaillen schmückten in langen Girlanden mein Kinderzimmer. Doch war ich nicht der einzige junge Mountainbiker in meiner Familie. Mein Bruder, der ein paar Jahre älter ist, fuhr ebenfalls sehr gut. Noch vor mir nahm er an Junioren-Weltmeisterschaften teil.
Als er damals von einer dieser großen Reisen wiederkam, brachte er keine Medaille nach Hause. Er wurde Sechster oder Siebter. Eine gute Platzierung. Ich sagte trotzdem vorlaut: „Mutter, wenn ich mal bei der Weltmeisterschaft bin, komme ich nur als Sieger mit einer Medaille wieder heim.” Das war mein Mindset: Hauptsache gewinnen.
Immer ein Kompetitor
Mein Bruder, zu dem ich ein gutes Verhältnis pflege, und ich brachten die gleiche Veranlagung mit, dasselbe Talent zum Velofahren. Er war – ähnlich wie ich – sehr fleißig. Hat viele Jahre fast nur auf dem Bike gesessen. Zwei große Unterschiede blieben zwischen uns beiden: der Ehrgeiz und die mentale Wettkampfhärte.
Ich bin immer ein Kompetitor, ein Wettkämpfer gewesen. Jedes Brettspiel musste ich gewinnen. Ich wollte jedes Mal Erster werden. Egal, wobei. Wenn das nicht klappte, strengte ich mich künftig noch mehr an.
Wenn mir an der Startlinie das Adrenalin durch den Körper schießt, der ganze Druck sich in Kopf und Brust ballt, dann kann ich die besten Ergebnisse aus meinem Körper herauszwingen. Meine Muskeln können noch mehr Kraft aufbringen. Der Kopf ist wacher. Ich bin so fokussiert, dass ich fähig bin, ein höheres Risiko zu fahren. Später bremsen, enger in die Kurve ziehen, weiter springen. Alles ist möglich, wenn ich weiß, dass es um einen großen Sieg geht.
Bei meinem Bruder war diese Veranlagung nicht so stark ausgeprägt. Wettkämpfe und Konkurrenzdruck schienen ihn eher zu lähmen. Gewonnen hat er trotzdem, weil er auf seine Art noch Veloprofi ist. In Italien betreibt er erfolgreich eine Bikeschule.

Der erste große Titel
Mein Ehrgeiz und mein Wille haben mich auf einen anderen Weg gelenkt. 2009 gewann ich in Canberra, Australien, meine erste Weltmeisterschaft im Cross Country der Herren. Drei Wimpernschläge vor dem Franzosen Julien Absalon rauschte ich ins Ziel. Er war zu der Zeit der beste und dominanteste Mountainbiker. Dann kam ich.
In dieser Zeit habe ich sehr viel Aufmerksamkeit und Unterstützung von tollen Weggefährten und -gefährtinnen bekommen. Das beflügelte mich. Nicht umsonst sagt man, dass der Erfolg den Erfolg nährt. Über ein Jahrzehnt konnte ich danach fast alles gewinnen, was ich gewinnen wollte. Ich habe mich an das Siegen gewöhnt. Das Gewinnen kann süchtig machen.
Olympia 2021: Nur Platz vier
In Tokio habe ich nicht gesiegt. Ich habe es nicht einmal auf das Treppchen geschafft. Vierter bei Olympia. Im Jahr nach der Corona-bedingt ausgefallenen Saison. Viel bitterer geht es nicht.
Lange Zeit beschrieb ich das Olympia-Silber in London 2012 als einen der schmerzhaftesten Momente meiner Karriere. Ich war damals gut und formstark unterwegs, dass ich mich beinahe unschlagbar wähnte. Gold fühlte sich sicher an. Als baumelte die Medaille schon um meinen Hals.
Damals war ich so erfolgsverwöhnt, dass ich nach dem Rennen dachte, dieses Silber wäre eine Art Tiefpunkt. Tatsächlich war der vierte Platz in Japan noch undankbarer. Weil es ein Moment war, in dem viele Zweifel in meinen Kopf krochen und es sich dort für ein paar Tage heimisch machten.
Andere waren besser als ich
Ich war in Tokio kein schwaches Rennen gefahren. Es war eine Leistung, für die ich mir wenig vorwerfen kann. Ich war am Limit. Die Beine waren stark, der Kopf voll da, der Siegeshunger knurrte. Und doch waren drei Athleten besser als ich.
Fast alles läuft super, und es reicht nicht für das Podest? Das stiftet mehr Unsicherheit, als wenn man den Fehler bei sich selbst finden und beim nächsten Mal beheben kann. In den Tagen nach Tokio merkte ich, dass auch andere lautere Zweifel an mir hegten. Ich spürte das sehr.

Das Gewinnen wird schwieriger
Ich werde älter. Das lässt sich nicht abstreiten. Das Training erfordert mehr Aufwand, der Verschleiß am Körper macht sich an manchen Tagen stärker bemerkbar. Den Punkt der absoluten Topform, den ich vor Jahren noch mühelos pünktlich vor einem wichtigen Rennen fand, ist mittlerweile schwieriger auszumachen. So, als ob der Blick dafür mit der Zeit verschwimmt.
Noch dazu spüre ich den heißen Atem des Nachwuchses im Rücken. Vor Jahren bewunderten sie mich als Idol. Jetzt wollen sie alles geben und mich auf der Strecke schlagen.
Selbst wenn es nur um Platz fünf geht, beißen sie sich in Duellen fest, als gäbe es eine Goldmedaille für ein erfolgreiches Überholmanöver. Und wenn auf einmal andere gewinnen, merkt man als ehemaliger Champion, wie rasch Ruhm verbleichen kann. Aufmerksamkeit ist vergänglich. Plötzlich gehört sie anderen. Das ist bitter.
Die Energie aus dem Negativen
Die eigenen und die fremden Zweifel. Die starke Konkurrenz. Die Niederlagen. All das hat – rückblickend – meinen Ehrgeiz noch weiter genährt und mich motiviert. Wer erfolgreich sein will, muss aus Misserfolgen frische Kraft ziehen können. Niederlagen als ein Quell neuer Energie verstehen. Das ist ein Erfolgsgeheimnis.
Aber ist es wirklich der Wille, der mich von den anderen Talentierten abhebt?
Nein. Das wäre zu einfach. Jeder Profi ist ehrgeizig, jeder will gewinnen. Meine Erfolge haben auch mit einem anderen großen Glück zu tun.
Der Ride with Nino Soundtrack
Das ganz große Glück
Das Mountainbikefahren wird häufig als Individualsport wahrgenommen. Alleine gegen die Uhr oder die Konkurrenz. Für viele Fans mag das so wirken. Sie beobachten an der Strecke oder vor dem TV nur eine Person auf dem Bike.
In Wahrheit sind viele Menschen für die Sportler*innen, die man sieht, in der Welt unterwegs. Trainer*innen, Manager*innen, Monteur*innen, Physios. Wir Athleten und Athletinnen sind nur so gut wie unser Umfeld. Wenn ich auf die Frage, warum ich erfolgreich geworden bin, Talent, Ehrgeiz und Wettkampfhärte anführe, erzähle ich lediglich die halbe Wahrheit.
Seit 20 Jahren, seit dem Beginn von allem, begleiten mich die richtigen Leute. Derselbe Trainer, dasselbe Team. Viele andere sind seit Ewigkeiten dabei. All meine Erfolge konnte ich auch deshalb erfahren, weil ich früh im Leben die richtigen Partner*innen fand. Menschen, die einen bestärken und stark machen, die mitwachsen, sind niemals selbstverständlich. Sie sind selten. Und besonders in schwierigen Phasen sehr wertvoll. Wir sollten sie immer wertschätzen.
Das Comeback nach Tokio
Im Val di Sole, einem Tal in den italienischen Alpen, nordwestlich von Trient, stürzte ich mich wenige Wochen nach Olympia mit allem, was ich aufbieten konnte, auf die Strecke. Ich nahm das Rennen persönlich. Mit zwei Sekunden Vorsprung kam ich vor dem Zweiten – meinem Landsmann Mathias Flückiger – ins Ziel. Ein Finish im Zentimeterbereich. Weltmeister. Nicht mehr nur der jüngste, sondern der älteste Titelträger aller Zeiten.
Dieser Sieg hat viel Wut und Enttäuschung in etwas Schimmerndes verwandelt. Er hat allen anderen, aber vor allem mir selbst gezeigt, dass ich noch gewinnen kann, selbst dann, wenn die jüngere Konkurrenz grandios und fehlerfrei auffährt.
Wie lange konkurrenzfähig?
Für nächstes Jahr stehe ich noch bei Scott, meinem Team, unter Vertrag. Ich werde die kommende Saison definitiv fahren. Das steht seit einer halben Ewigkeit fest und das Vorhaben ist an viele starke Partnerinnen und Partner geknüpft. Ob es bis zu den nächsten Olympischen Spielen 2024 in Paris reicht, weiß ich nicht. Das muss ich aber noch dieses Jahr entscheiden. Team und Trainer brauchen Planungssicherheit.
Sicher ist: Ich möchte bis zum Ende meiner Laufbahn konkurrenzfähig sein. Wenn ich antrete, nur um Zehnter zu werden, weiß ich nicht, ob mir das auf Dauer genügt.
Zudem sind in den vergangenen Jahren viele Dinge abseits des Sports wichtiger geworden. Die Familie sowieso, besonders die Tochter, die begeistert Velo fährt und ihren Papa gerne auf ihren Touren dabei hat. Im Fernsehen schaut sie am liebsten die Rennen der „Girls“, wie wir in der Schweiz sagen. Vielleicht ist sie irgendwann eine von ihnen.
Ich freu mich auf die Zeit nach der Karriere
Mit Partnern möchte ich eine neue Rennserie in der Schweiz etablieren. Ich liebäugle mit der Berufspilotenlizenz für Helikopter. Privat darf ich Hubschrauber bereits seit dem vergangenen Jahr fliegen.
Ich könnte mir eine Trainerlaufbahn vorstellen oder eine als Manager. An all diesen Aufgaben steigt mein Interesse. Und auch dort möchte ich einer der besten, wenn nicht gar der Beste sein. Ich freue mich auf die Zeit nach meiner Karriere.Vielleicht fahre ich nebenbei weiter Rennen. Dann jedoch auf längeren Distanzen. Auf denen hätte ich im Alter bessere Siegchancen.
protokolliert von Hannes Hilbrecht
Tolle Einsichten in ein Sportlerleben und sehr ehrlich, wenn man versteht was einen Wettkämpfer ausmacht. Applaus für dieses „Interview“.
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Tolle Einsichten in ein Sportlerleben und sehr ehrlich, wenn man versteht was einen Wettkämpfer ausmacht. Applaus für dieses „Interview“.