Der Berg tut das, was er am liebsten macht: Er hüllt sich in dichte Wolken. Vom majestätischen Gipfel, dem mit 6.190 Metern höchsten in ganz Nordamerika, ist nichts zu sehen. Dafür ist der Denali bekannt. Im Schnitt zeigt er sich nur vier- oder fünfmal im Monat. Und trotzdem lockt er die Besucher. Rund 600.000 kommen jedes Jahr nach Alaska, um ihn zu sehen, und die Grizzlys, Wölfe, Elche, Karibus und Dall-Schafe, die im gleichnamigen Nationalpark leben.
Ich bin schon oft hier gewesen. Allein und mit Gruppen aus Deutschland, die ich zum Abschluss unserer Spendenreisen auf dem Yukon hierher führe. Zwei Nächte verbringen wir am Wonder Lake am Ende der Schotterpiste, die durch den Park führt. Und selbst wenn sich der Berg nicht vollends zeigt, verzaubert er uns. Im Spätsommer wechseln die Farben. Die Tundra hüllt sich in schillerndes Gelb, sattes Rot und rostiges Braun. In klaren Nächten tanzen die ersten Polarlichter über den Himmel. Dann spielt die Wildnis ihre volle Magie aus.

Jede Menge Platz zum Wandern
Fast zweieinhalb Millionen Hektar groß ist das als Nationalpark geschützte Gebiet, jede Menge Platz zum Wandern also. Und trotzdem trauen sich viele nicht so recht. Denn im Denali gibt es kaum Trails. Die wenigen, die es gibt, sind gut ausgeschildert um das Visitor Center am Parkeingang angelegt, wo sich die Massen tummeln. Die Ranger aber ermutigen jeden Besucher, ins Hinterland zu gehen. Dazu verteilen sie kostenlose Genehmigungen und geben Tipps. Shuttlebusse bringen die Wanderer dann zu den ausgesuchten Arealen, setzen sie an der Piste ab und sammeln sie dort später auch wieder ein. Ein prima Service, den bislang noch kein einziger Teilnehmer unser Reisen genutzt hat.
Kaum noch Abenteurer
Trauen sich die Besucher nicht, weil sie es nicht gewohnt sind oder vielleicht auch aus Angst vor dem Unbekannten? Ein Trail gibt Sicherheit. Seine Schilder weisen den Weg, auf dem Tausende zuvor schon gelaufen sind. Das Vorankommen ist einfach, die Orientierung selbsterklärend. Immer den Markern nach. Kein mühsames Querfeldein, kein Blick auf die Karte, kein Kompass, kein GPS. Die Länge des Trails steht fest und die Zeit, die man für ihn braucht, lässt sich leicht abschätzen. Manchmal wird sie auf den Info-Tafeln am Beginn des Trails schon vorgerechnet.

Trails können die Umwelt schädigen
Ein Trail aber hinterlässt auch Spuren in der Wildnis, zieht sich als deutlich erkennbares Band durch die Landschaft. Achtlose Wanderer lassen Essensreste oder Müll zurück. Das stört das ungetrübte Erleben der Nachfolgenden und lockt Tiere an. Am Eielson Visitor Center, hundert Kilometer auf der Schotterpiste in den Park hinein, hat man an guten Tagen den besten Blick auf den Denali. Die wenigen Trails hier müssen gelegentlich gesperrt werden – wegen Bärenalarms. Abseits der Trails muss man selbst die Augen offen halten. Das schärft die Sinne. Man stapft nicht anderen hinterher, sondern erlebt eigenständig die Wildnis.

Abseits der Trails – auf Wunsch der Ranger
Damit die Natur weiterhin wild bleibt, werden im Denali-Nationalpark keine neuen Trails angelegt. Die Ranger wünschen sich, dass viele Hiker abseits der ausgetretenen Pfade losziehen. Ihre Spuren verwischen bald in der weiten Landschaft, die ihren ursprünglichen Charakter so am besten bewahren kann.
Klar machen Trails auch Sinn. Dort zum Beispiel, wo weniger Platz ist als im riesigen Denali-Gebiet. Die Massen würden die Natur sonst platt trampeln. Manchmal aber lohnt es sich, trotzdem auszubrechen. Off the beaten path statt Mainstream. In der Wildnis wie im Leben.
