Das Gesicht zerknittert. Jeder Schritt fällt schwer. Ich fühle mich wie gerädert. Kurz: Ich habe mal wieder schlecht geschlafen. Ich fühle mich schlapp und unkonzentriert. An solchen Tagen kann ich auch den Gesprächen in unserer #BeatYesterday.org-Redaktion nur schwer folgen. Ich trinke einen Kaffee nach dem anderen und träume von gutem Schlaf.
Tipps für eine bessere Nachtruhe habe ich schon viele ausprobiert. Als ich jüngst ein wissenschaftliches Symposium besuchte, lernte ich dort den Kardiologen und Rettungsmediziner Dr. med. Carsten Nolte kennen. Er hielt einen Vortrag zum Thema Schlaf. Von ihm wollte ich es nun einmal genauer wissen, was im Schlaf passiert und welche Tipps er noch für mich hat.
Über Dr. med. Carsten Nolte
Dr. Carsten Nolte, Jahrgang 1959, ist Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie, wobei er sich auf das Gebiet der Sportkardiologie spezialisiert hat. Er studierte Medizin an der Medizinischen Fachhochschule Hannover und arbeitete mehrere Jahre im Bereich der Herz- und Kreislaufforschung , u. a. an der Medizinischen Fakultät der TU Dresden. Außerdem ist er Arzt für Rettungsmedizin. Seit 2006 arbeitet er als Dozent an der Universität in Dresden.

#BeatYesterday.org: Warum muss ich überhaupt schlafen?
Dr. Carsten Nolte: Ganz einfach: In der Nacht regeneriert dein Körper. Das betrifft zum Beispiel das Immunsystem und die Zellen. Du verarbeitest nachts auch emotionale Eindrücke. Jeder kennt das: Man geht an einigen Tagen mit Terminsorgen ins Bett, wacht am nächsten Morgen auf und weiß, wie man alles unter einen Hut bekommt. Dein Hirn setzt nicht aus in der Nacht, es regeneriert nur. Der gesamte Organismus regeneriert.
#BeatYesterday.org: Was genau passiert dabei?
Carsten: Die Niere entgiftet zum Beispiel, indem sie vermehrt Urin ausscheidet, sobald es dunkel wird. Nicht nur deshalb ist es wichtig, dass du über den Tag verteilt trinkst und nicht erst kurz vor dem Zubettgehen. Tust du das nicht, wirst du nachts häufig aufstehen müssen, um zur Toilette zu gehen. Das stört natürlich den Schlaf.
Ein anderes Beispiel ist der Liquor im Gehirn, also die Hirnflüssigkeit. Diese fließt um bis zu 50 Prozent schneller, während du schläfst. Das liegt daran, dass die Liquorkanäle um bis zu 60 Prozent weiter sind als am Tag. Mithilfe dieses Prozesses räumt dein Gehirn quasi auf. Toxische Schadstoffe, die im Wachzustand produziert, in diesem aber nicht abtransportiert werden können, werden nachts entfernt.
Außerdem verlangsamt sich der Herzschlag, aber die Herzfrequenzvariabilität nimmt zu. Das heißt, dein Herz schlägt in der Nacht unregelmäßiger, tickt nicht wie ein Schweizer Uhrwerk.
#BeatYesterday.org: Ist das problematisch?
Carsten: Dass das Herz in der Nacht ungleichmäßiger schlägt, ist normal. Und auch, dass der Herzschlag sich verlangsamt. Bei Leistungssportlern beispielsweise schlägt das Herz im Schlaf manchmal langsamer als 60 Schläge pro Minute, einfach weil es sehr gut trainiert ist.

#BeatYesterday.org: Wie viel Zeit braucht unser Körper, um vollständig zu regenerieren?
Carsten: Eine Schlafdauer zwischen sieben und acht Stunden ist gesund. Alles unter sechs Stunden ist nicht gut für den Körper. Ein dauerhafter Schlafmangel mit weniger als sieben Stunden Schlaf ist enorm ungesund und langfristig gesehen steht das in enger Verbindung mit Herzerkrankungen, Demenz oder Parkinson. Problematisch wird es, wenn sich durch den dauerhaften Schlafmangel eine Schlafstörung einstellt. Diese beginnt oft schleichend und bringt verschiedene Symptome mit sich. Geringe Konzentrationsfähigkeit, Tagesmüdigkeit und Gereiztheit sind nur einige davon. Das wirkt sich natürlich auf die Leistung auf der Arbeit und in der Freizeit aus. Und die einzige Lösung ist: mehr Schlaf. Mit Sport, Nahrungsergänzungsmitteln oder gar Arzneimitteln kann man die fehlende Konzentration nicht ausgleichen.
#BeatYesterday.org: Ich schlafe selten wirklich gut. Was können Ursachen sein?
Carsten: Sie können ganz vielfältig sein. Erkrankungen zum Beispiel können Ursache für eine Schlafstörung sein. Das Schlafapnoe-Syndrom ist eine davon. Apnoe bedeutet so viel wie ohne Atem. Die Betroffenen, vor allem Männer, haben nächtliche Atemaussetzer, die nicht mit dem einfachen Schnarchen zu verwechseln sind. Denn im Gegensatz dazu ist das „Sägen” beim Schlafapnoe-Syndrom deutlich lauter und unregelmäßiger bis hin zu einem Atemstillstand. Dennoch ist auch das einfache Schnarchen Ursache für mangelnde Regeneration. Das Wachwerden ist das Warnsignal des Körpers, dass man nicht genug Luft bekommt, und das unterbricht den Schlaf.
Eine andere Erkrankung, die zu einer Schlafstörung führt, ist das Restless-leg-Syndrom. Sobald Betroffene sich entspannen und in die Schlafphase übergehen, haben sie das Gefühl, ihre Beine ständig bewegen zu müssen – deswegen restless (rastlos). Sie verspüren ein Kribbeln oder Ziehen. Durch das Bewegen verschwinden die Beschwerden. An gesunden Schlaf ist dabei aber natürlich nicht zu denken. Und die Symptome treten nicht nur beim Schlafen auf, sondern immer dann, wenn die Betroffenen zur Ruhe kommen. Also auch beim Fernsehen oder Lesen auf der Couch.
#BeatYesterday.org: Ich gehe mal nicht gleich davon aus, dass ich krank bin. Gibt es auch hausgemachte Ursachen?
Carsten: Stress, Alkohol und Drogen. Aber auch banalere Dinge, wie eine falsch angesetzte Trainingseinheit. Machst du zum Beispiel dein Grundlagenausdauertraining spät am Abend, pushst du dich hoch und kannst nicht mehr oder nur schlecht schlafen. Die Temperatur im Zimmer spielt auch ein Rolle. Ist sie zu hoch, was im Sommer oft der Fall ist, kann dein Körper nicht runterkühlen und du schläfst schlecht. Und natürlich Stress. Dieser kann sich auf verschiedenste Weise bemerkbar machen. Ein häufiges Symptom ist das Zähneknirschen in der Nacht. Dabei drücken die Kiefer mit bis zu 40 Kilogramm aufeinander. Kraft, die ausreichend wäre, um zwei Fingerknochen zu durchtrennen, und damit natürlich genug Kraft, um deinen Schlaf zu beeinträchtigen.
Carstens Tipps für einen gesunden Schlaf
- Abstand halten zwischen der letzten Mahlzeit am Abend und dem Zubettgehen
- Auf eine ausreichende Trinkmenge vor der Dämmerung achten
- Keine intensiven Grundlagenausdauereinheiten vor der Bettruhe
- Lesen statt Fernsehen
- Monitorarbeit nur mit Blaufilter (f.lux)
- Schlafzimmertemperatur unter 18 Grad
- Eine Schlafdauer von mehr als 8 Stunden
- Keine Schlaf- oder Einschlafmittel ohne Rezept
- Bei Hinweisen auf eine Schlafstörung, einen Facharzt aufsuchen
Ich setzte den Tipp um, über den Tag verteilt und nicht nach der Dämmerung zu trinken. Denn schon vor dem Interview war mir klar, ich trinke zu wenig. Dass das auch Auswirkungen auf meinen Schlaf hat, wusste ich nicht. Und es hilft. Ich schlafe besser. Auch meinen Monitor habe ich mit einem Blaufilter versehen, da ich öfter auch am Abend arbeite. Das ist deutlich angenehmer für die Augen. Und wenn ich nicht am Laptop sitze, lese ich lieber als Fernsehen zu schauen. Nach ein paar Seiten fallen mir die Augen zu.
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