Bike

9.200 Kilometer auf dem Rad: Reine Kopfsache

Wenn Sven Ole Müller für Ultraradrennen trainiert, sitzt er in der Sauna auf dem Rollentrainer. Wie er den Körper auf extreme Belastungen vorbereitet und dabei immer positiv bleibt – ein Interview.

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Sie müssen verrückt sein. Total durchgeknallt. Bekloppt.
Manchmal sitzen Ultraradfahrer:innen sieben Tage am Stück im Sattel. Mehr als eine tägliche Stunde Schlaf ist nicht drin für diejenigen, die gewinnen wollen. Über eine Woche verzichten sie auf feste Nahrung. Sie trinken hochkalorische Flüssigkeiten, die nach Pudding schmecken. Wenn sie Glück haben.

„Ultrarad ist nicht nur eine sportliche Herausforderung, sondern eine gewaltige Ess-Challenge”, sagt Sven Ole Müller. Der Ultraradfahrer und Mentalcoach aus Gera, Thüringen, zählt zu den besten Extrem-Radfahrern und Essern der Welt. Er hat Amerika auf dem Bike durchquert und im nächsten Jahr will er Russland durchfahren.

Im #BeatYesterday-Gespräch erklärt Sven Ole, wie er sich auf Torturen vorbereitet und selbst 40 Grad im Schatten mit einem Lächeln hinnimmt. Und er verrät, wie jede:r mit mentaler Stärke große Herausforderungen meistert.

#BeatYesterday.org: Sven Ole, gab es einen Moment, in dem du richtig infrage gestellt hast, was du eigentlich tust?

Sven Ole Müller: Das war beim Race Across America (RAAM) 2016, dem härtesten Radrennen der Welt. Es führt die Fahrer:innen einmal quer durch die USA, von der West- bis an die Ostküste. Wir haben als Mixed-Team aus Thüringen mitgemacht, und wir fühlten uns auf die Qualen gut vorbereitet. In Arizona war es an einem Tag super heiß. Wir kraxelten den Yarnell-Peak hinauf, eine 1.600 Meter hohe Erhebung, die aus der wüstenroten Landschaft herausragt. Oben auf dem Scheitel war es 48 Grad heiß. Überall trat der Schweiß aus meinen Poren, meine Haare stellten sich auf, der Körper schaltete in den Schockzustand. Sogar das Wasser in meinen Trinkflaschen war warm wie Tee. In diesem Moment fragte ich mich schon, was ich gerade mache, warum ich überhaupt hier bin, ob ich bekloppt bin. Die Hitze in Arizona war so krass, dass das Team aus Dubai aufgeben musste.

#BeatYesterday.org: Du und deine Crew seid weitergefahren. Und habt sogar den Mixed-Staffel-Wettbewerb gewonnen. Wieso habt ihr damals nicht aufgegeben?

Sven Ole: Meine Staffelkolleg:innen und ich hatten unseren Trainer darum gebeten, uns so vorzubereiten, dass wir am Ende das Rennen gewinnen können. Wir orientierten uns an den besten Mixed-Ergebnissen der RAAM-Historie. Das kam nicht bei allen Radsportenthusiast:innen gut an. Wir waren die Neuen, die Rookies, und die wollen gleich gewinnen? Wir haben diese negative Stimmung zu spüren bekommen. Damals, auf dem Hügel, dachte ich: Nein, ich werde denjenigen nicht recht geben. Ich mache weiter. Wir fahren weiter. Wir können das.

Sven Ole Müller umarmt einen Teamkollegen nach einem Rennen
Mit der Mixed-Staffel gewann Sven Ole das Race Across America. © ABGedreht productions

#BeatYesterday.org: Wie bereitet man sich körperlich auf die Strapazen vor?

Sven Ole: Unser Team hatte ein Credo: Die Vorbereitung muss härter sein als das Rennen. Wir haben in der Sauna auf der Rolle trainiert. Eine Stunde bei 50 Grad und Wasserdampf strampeln. Dann haben wir im Winter vor dem RAAM im Kraftraum geschuftet. Muskeln aufbauen, stark werden. Wir sahen wie Brocken aus. Dann mussten wir die Muskeln wieder abbauen, weil wir sonst zu schwer für das Rennen gewesen wären. Wichtig war nur, dass uns die aufgebaute Grundlagenkraft erhalten blieb.

Das Problem am RAAM: Egal, wie klug und hart sich die Fahrer:innen vorbereiten, bei diesem Wettbewerb erwartet uns alle das Unerwartbare. Über die Hälfte der Teilnehmenden kommt nicht ins Ziel. Und das sind alles erfahrene Ultraathlet:innen. Wenn die aufgeben, dann bedeutet das was.

#BeatYesterday.org: Viele Sportler:innen sagen, dass nicht die Beine oder Arme das Problem sind. Sondern der Kopf.

Sven Ole: Es ist immer der Kopf. Als unser Team im Winter an der Kraft arbeitete, wollten wir herausfinden, wie viele Rumpfbeugen wir hinbekommen. Ich war am Ende bei 650, und hätte noch mehr gekonnt. Es wurde aber langweilig. Die Sache ist die: Die ersten 50 sind hart. Die nächsten Hundert auch. Und dann tut es plötzlich nicht mehr weh. Der Muskel zieht sich zusammen und macht wieder auf, immer und immer wieder. Solange er nicht übersäuert, wir eine Sauerstoffschuld eingehen und sich Laktat bildet, können wir ihn fast unbegrenzt weiter belasten. Das, was uns davon abhält, ist der Kopf.

#BeatYesterday.org: Wie bekommst du es hin, dass der Kopf dich nicht abhält?

Sven Ole: Ich brauche Affirmationen. Ein inneres Bejahen. Dafür muss ich den Sinn und Zweck eines Vorhabens verstehen. Warum tue ich das? Für wen habe ich mich verpflichtet, wer hängt noch mit drin? In Arizona war ich nicht alleine unterwegs. Ich spürte eine Verantwortung gegenüber meinen Teamkolleg:innen. Ich wollte das Rennen finishen, weil ich hart dafür gearbeitet hatte. Und ich wollte – wie gesagt – denjenigen, die uns scheitern sehen wollten, diesen Triumph nicht gönnen. Ich hatte mir vorab diese Motivationen zurechtgelegt. In der Notsituation konnte ich auf sie zurückgreifen. Das hielt mich im Rennen.

#BeatYesterday.org: Die Folgen einer sportlichen Überbelastung können gravierend sein, es haben sich schon Leute zu Tode gestrampelt. Wann ist es sinnvoll, vom Rad zu steigen?

Sven Ole: Wir Sportler:innen müssen herausfinden, ob der Schmerz echt ist oder ob uns ein sogenannter Phantomschmerz plagt. Marathonläufer:innen kennen es: Ab 30 Kilometern tut es weh. Die Fußgelenke, die Knie, die Waden sowieso. Manche befürchten, dass es gerade den Meniskus erwischt. Meistens kommt der Schmerz aber nicht aus dem Knie, sondern allein aus dem Kopf. Wir müssen schauen, ob es äußerliche Anzeichen für eine Verletzung gibt. Ist wirklich etwas lädiert, setzen rasch die Selbstheilungskräfte des Körpers ein. Ist ein Gelenk warm, spricht es für eine Entzündung. Wird eine Stelle dick, sammelt sich Wasser unter der Haut, wir bemerken eine Schwellung. Ist etwas gerissen, können wir eine Einblutung, ein Hämatom erkennen. Bei diesen Warnzeichen sollten wir sofort aufhören. Gibt es sie nicht, ist der Schmerz oft reine Kopfsache.

Sven Ole Müller beim Marathon
Ultrasportler:innen müssen nicht nur ihre Sportart beherrschen, sondern auch gut essen können. © Sportograph

#BeatYesterday.org: Trotzdem ist es eine heikle Entscheidung. Sportler:innen wollen und sollen Blessuren nicht unterschätzen.

Sven Ole: Ultrasportler:innen müssen ihren Körper sehr genau wahrnehmen können. Dazu braucht es professionelle Hilfe. Ich arbeite am liebsten mit Ärzt:innen zusammen, die neben ihrem Beruf einen Leistungssport ausüben. Wenn die Mediziner:innen die sportlichen Belastungen nachvollziehen können, hilft das bei der Behandlung und bei der Vorsorge.

#BeatYesterday.org: Zurück zum Sport. Du hast das berühmte Race Across America gewonnen, es scheint aber so, dass dir die Siege nicht alles bedeuten. Dass es um viel mehr geht. Für welche Momente steigst du auf das Rad?

Sven Ole: Wir Menschen können am besten denken, wenn wir uns bewegen. Früher sind die Mönche im Atrium des Klosters permanent im Kreis gelaufen. Sie konnten so besser denken. Mir geht es ähnlich: Meine Vorträge entstehen nicht am Schreibtisch, sondern auf dem Rad. Ich bewege mich, weil es meinem Körper und meinem Geist guttut.

#BeatYesterday.org: Extrem ist auch eines deiner baldigen Vorhaben. Du willst im nächsten Jahr am Red Bull Trans Siberian Extreme teilnehmen. 9.200 Kilometer durch Russland. Es warten fünf Klimazonen, Tiger und Taiga.

Sven Ole: Damals, nach dem Staffelsieg beim RAAM, bin ich in ein tiefes und breit klaffendes Loch gefallen. Ich war in der Form meines Lebens. Und es gab keine Herausforderung. Das musste ich mental verarbeiten. Ich brauchte ein neues Ziel. Das Rennen in der Einzelwertung fahren? Eine Woche am Stück Fahrrad fahren ohne zu schlafen? Keine Chance. Das ist nicht mein Format. Das Red Bull Trans Siberian Extreme ist anders strukturiert. Das ist ein Etappenrennen. Die Abschnitte sind lang, über tausend Kilometer teilweise, aber es gibt nach jedem Zwischenziel Zeit für Erholung. Ich kann schlafen, essen, mich behandeln lassen.

#BeatYesterday.org: Schon zweimal wurde das Rennen abgeblasen. Der Start war 2020 angesetzt. Jetzt soll es 2022 losgehen. Macht dein Kopf noch mit?

Sven Ole: Die Absagen haben mich mürbe gemacht. Zweimal hart trainieren und dann fällt das Event aus? Furchtbar. Besonders im Winter war es schwer, mich zu motivieren. Es war kalt, nass, die Kleidung klamm.

#BeatYesterday.org: Mit welchen Affirmationen bist du dran geblieben?

Sven Ole: Es ist nicht selbstverständlich, beim Trans Siberian fahren zu dürfen. Die Fahrer:innen, alles Radsportler:innen oder Triathlet:innen, müssen den Nachweis erbringen, dass sie stark genug sind. Außerdem klären die Veranstalter:innen ab, ob es mental passt. Wir sind in einer kleinen Gruppe unterwegs. Etwa elf richtig starke Fahrer:innen aus elf Nationen, es geht um Tagessiege, es wird attackiert. Trotz allem müssen wir miteinander auskommen. Das ist auf der Distanz nicht so einfach. Daher ist es eine Ehre, dass ich für dieses Extrem ausgewählt wurde. Außerdem bin ich ein friedliebender Mensch. Ich möchte nicht im Krieg leben. Ich möchte, dass wir harmonisch zusammen existieren, und das über alle Grenzen hinweg. Ich werde daher die Friedenstaube auf dem Shirt aufnähen. Olaf Ludwig, der berühmte Friedensfahrer aus der DDR, hat mir die anvertraut. Das Rennen ist meine persönliche Friedensmission. Und außerdem habe ich die Menschen in Russland bisher immer als warmherzig wahrgenommen. Die geben für jeden Gast das letzte Hemd, sie sind absolut gelassen. Ich fühl mich wohl vor Ort.

Sven Ole Müller gibt Tipps als Mentalcoach
Sven Ole arbeitet neben seiner sportlichen Laufbahn als Motivationsredner. © HORBACH

#BeatYesterday.org: 9.200 Kilometer. Dazu die Klimazonen. Wie hält das der Kopf aus?

Sven Ole: Ich habe gelernt, mich an der Natur zu erfreuen. Ich mag ihre Düfte, ich schaue sehr genau auf Bäume oder Pflanzen, wenn es der Verkehr zulässt. Und auch bei den Temperaturen hilft der Geist. Ich habe auf dem Bike alles erlebt. Hitze, die einen bei lebendigem Leib ausdörrt, und schneidende Kälte, die das Atmen schwer macht. Ich habe die Empfindungen abgespeichert. Ist mir warm, denke ich an eisige Morgen auf nassen Straßen. Wie schön sich dann 40 Grad anfühlen! Andersrum ist es genauso. Wir müssen möglichst viele Situationen, die uns fordern können, im Vorfeld positiv belegen. Dann halten wir sie später besser aus.

#BeatYesterday.org: Radfahren in der Sauna, Muskeln aufbauen, nur um sie wieder abzubauen – so hast du für Amerika trainiert. Wie bereitest du dich auf Russland vor?

Sven Ole: Ich habe mit meinem Trainer einen Plan ausgefeilt. Zu 20 Prozent trainiere ich intensiv, fahre so lange wie möglich schnell, bringe mich ans Limit, zum Beispiel mit Intervallen. Und zu 80 Prozent mache ich lange Touren. Einen Effekt auf die Muskulatur hat das Training zwar ab der vierten Stunde kaum noch. Aber ich muss mich auf das Leiden, auf die Langeweile vorbereiten.

#BeatYesterday.org: Im Juli brichst du mit dem Fahrrad zum Nordkap auf. Hat das was mit dem Russland-Abenteuer zu tun?

Sven Ole: Es ist für mich eine Simulation für das Trans Siberian Extreme. Von Gera zum Nordkap sind es 3.000 Kilometer. Schwedens Landschaften ähneln der Taiga in Russland. Zudem wird es gen Norden immer kühler. Ich durchfahre in kurzer Zeit unterschiedliche Klimazonen. Außerdem ist Mittsommer in Schweden. Es ist fast nie dunkel. Das kommt mir entgegen, denn ich fahr ungern nachts.

Sven Ole Müller auf dem Rad, neben ihm stehen seine Teamkollegen
Beim Ultrarad liebt Sven Ole das Teamwork. © ABGedreht productions

#BeatYesterday.org: Wie hast du die Strecke geplant?

Sven Ole: Es bringt mir nichts, über die steilen Rampen Norwegens zu fahren. Ich brauche lange, flache Anstiege, denn genau dieses Profil wartet in Sibirien auf mich. Zudem achte ich auf möglichst wenig Verkehr, das gibt mir ein sicheres Gefühl. Ich fahr von Gera nach Fehmarn. Dann setze ich mit der Fähre nach Dänemark über. Danach durchfahre ich Ost-Schweden bis an den Bottnischen Meerbusen, touchiere Finnland und biege schließlich nach Norwegen ab.

#BeatYesterday.org: Wer tagelang auf dem Bike sitzt, muss seinem Equipment vertrauen können. Neben dem Rad sind das vor allem Hilfsmittel wie Fahrradcomputer oder Smartwatches.

Sven Ole: Ich bin sehr froh, dass ich mich seit Jahren mit den Geräten von Garmin ausrüsten kann. Der Edge, der Forerunner, der Brustgurt. Ich brauche aktuelle Daten wie meinen Herzschlag oder die Wattzahl, die ich trete, um mich über mein Leistungsniveau zu vergewissern. Ich vertraue auf Garmin, weil ich in all den Jahren nie Schiffbruch mit den Produkten erlitten habe. Nie sind sie ausgefallen, nie ist die Verbindung abgerissen. Für den Edge gibt es sogar eine Powerbank von Garmin, die ich einfach unter den Fahrradcomputer klicken kann. So habe ich keine Akkuprobleme. Vertrauen ist bei technischen Produkten das Wichtigste. Und bei Garmin habe ich den Eindruck, dass die Verantwortlichen aus der Sicht der Sportler:innen denken.

#BeatYesterday.org: Zum Abschluss: Kannst du noch etwas von deiner positiven Einstellung teilen? Wie gelingt es auch Einsteiger:innen oder Hobby-Sportler:innen, so optimistisch zu denken?

Sven Ole: Der Sport tut manchmal weh, der Sport verlangt Entbehrungen. Aber er gibt uns unfassbar viel zurück. Wir fühlen uns besser, leben gesünder. Mir persönlich hat der Sport immer mehr gegeben, als ich in ihn investiert habe. Er hat sogar mein Leben gerettet. Mit 12 Jahren hatte ich einen Fahrradunfall. Ein Motorrad nahm mir die Vorfahrt, rauschte in mein Hinterrad. Ich hob ab. Neun Meter flog ich. Doch ich überlebte. Wahrscheinlich, weil ich mich richtig abrollte. Es war, als habe mein Körper in dieser Sekunde die Bewegungsabläufe vom Hochsprung unterbewusst abgespielt. Wälzer-Technik. Ohne meine Leichtathletik-Ausbildung wäre ich tot. Da bin ich mir ganz sicher. Sport, egal welcher, egal wo, egal wie, tut uns immer gut.

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zu Garmin.com
Hannes Hilbrecht

Hannes Hilbrecht, Baujahr 93, schrieb vor #BeatYesterday für zahlreiche Online- und Printmedien. Sein Highlight: Ein Date mit LeBron James. Beim Schreiben hält er es wie seine Oma: Kein Leser soll hungernd den Tisch verlassen müssen.

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