erg
Suche
Sollte im Fachhandel kein Problem sein: verschiedene Räder, auf den Kunden eingestellt, zur Probefahrt. | © iStock.com/Thomas_EyeDesign

Fahrrad-Mathematik: Rahmen-Geometrie für Anfänger

Auf der Suche nach einem neuen Rad wird die richtige Rahmengröße oft ignoriert. Sie zu ermitteln ist eine Wissenschaft für sich – zum Glück mit einfachen Grundregeln.

Herbst und Winter gelten im Fahrradhandel als Schnäppchenzeit: Niemand braucht gerade dringend ein neues Rad, aber die Verkäufer benötigen dringend Platz. Da ist es verlockend, nach Rädern Ausschau zu halten, die vor einem Jahr noch aktuell waren, nun aber neuen Modellen weichen sollen – und deshalb 20 oder gar 30 Prozent reduziert sind.

Der Haken: Nicht jede Größe ist immer verfügbar, schon gar nicht verbilligt. Käufer neigen deshalb zu Kompromissen – und sie stehen zwar mit einem Schnäppchen da, die Freude am Fahren leidet aber auf Dauer, weil der Rahmen nicht richtig mit den Körpermaßen harmoniert.

Rahmen in 3-cm-Stufen

„Das passende Rad mit der richtigen Sitzposition zu finden, erfordert Geduld und Mitarbeit des Kunden“, sagt Holger Koch. Der Autor des Fachbuchs „Rahmenkunde für Fahrradhändler und andere Enthusiasten“ betreibt das Fachportal Fahrrad-Rat.de: alles rund um Zweirad-Technik und – vor allem – die Themen Rahmenbau, Ergonomie und Sitzpositionen.

Früher kannte man vielleicht „26er“ und „28er“. Das sind Reifengrößen in Zoll, die bestenfalls einen Anhaltspunkt geben. Gute Räder gibt es in vielen Größen, abgestuft in Schritten von 3 Zentimetern Rahmenhöhe. Du musst also genauer hinschauen.

Verwirrende Formeln und Tabellen

Das führt in eine recht verwirrende Welt von Formeln und Tabellen, garniert mit abwechselnden Zoll- und Zentimeter-Angaben. Wichtigster Wert ist die genaue Schrittlänge, gemessen zwischen Fußsohle und Schritt. Diese Zahl ergibt, je nach Radtyp unterschiedlich, eine Rahmenhöhe. Die wichtigen Online-Händler haben dafür eigene Rechner auf der Webseite. Die Formeln zur Berechnung und Beispiel-Tabellen findest unter anderem hier: www.bikers-seiten.de.

Allerdings garantiert allein die Schrittlänge noch keine Maßarbeit – es gibt zum Beispiel im Verhältnis längere und kürzere Arme und Oberkörper. Doch auch ohne biometrische Vermessung kommst du zu einem für deinen Körper und deine Ansprüche passenden Rad. Unter einer Bedingung: Du musst es probefahren können.

Aufrecht und bequem durch die Stadt: dafür steht der Typ Hollandrad. | © iStock.com/pdpetersonphoto

Grundregel 1: Probefahrt!

Beim Discounter oder online gibt es keine individuelle Beratung und keine Probefahrt. Der erste Punkt wäre zu verschmerzen, wenn du deine Maße genau kennst, und weißt, was du willst. Der zweite ist für den Experten ein No-Go: „Eine Probefahrt ist unverzichtbar“, sagt Holger Koch. „Und zwar nicht einmal ums Haus, sondern mindestens eine Stunde.“

Erst nach geraumer Zeit, sagt Koch, stellt sich ein zuverlässiges Gefühl ein, wie gut das Rad passt. Und zwar nicht nur die reine Rahmenhöhe, sondern auch der zweitwichtigste Faktor: Abstand und Höhenunterschied zwischen Lenker und Sattel. Denn daraus ergibt sich die Position des Oberkörpers – zum Beispiel fast waagerecht beim Rennrad, ganz aufrecht beim Typ Hollandrad.

Probefahrten, auch mit mehreren vorher auf dich angepassten Modellen, machen dem Händler Arbeit, sind aber nötig. Kochs Tipp:

Besser nicht nachmittags und nicht zur Hochsaison im Frühsommer viele Räder testen wollen. Dann haben die Leute im Geschäft einfach keine Zeit.

Holger Koch

Grundregel 2: Nicht zu sportlich!

Jeder möchte gern sportlich unterwegs sein, also sich selbst als ambitionierter Fahrer fühlen und auch von anderen so gesehen werden. Dabei entsteht ein Phänomen, das auch die Hersteller von Alpin-Ski gut kennen: Viele wählen ihr Gerät (mindestens) eine Stufe „sportlicher“, als für sie eigentlich richtig wäre. Beim Rad heißt das, eine weiter nach vorn gebeugte, windschlüpfrige Sitzposition. Tatsächlich ist diese Haltung nicht nur unbequem, auch die Kraftübertragung aus dem Körper in den Vortrieb ist in extremer Rennhaltung nicht ideal. Dieser Nachteil wird für Rennradler durch den aerodynamischen Vorteil mehr als aufgewogen – für Hobbyfahrer sieht die Bilanz schon anders aus.

Denn in der Rennhaltung lastet viel Gewicht auf den Handgelenken, die nach einer Weile schmerzen können. Auch Rücken und Wirbelsäule werden stark belastet. Deshalb der Rat: nicht zu ambitioniert an den Kauf herangehen. Die allermeisten sind mit einer Position um die 30 bis 40 Grad gut bedient.

Grundregel 3: Fahrradtyp gut auswählen

Die Bezeichnungen der Hersteller für Fahrrad-Typen dienen mehr dem Marketing als der Klarheit und unterliegen Moden. Noch City-Bike, schon Urban Bike? Die jeweilige Rahmen-Geometrie ist ergonomisch nicht so entscheidend. Ob das Oberrohr gerade oder gebogen ist, spielt für das Dreieck Lenker-Sattel-Pedale kaum eine Rolle.

Für die Grundtypen gilt:

  • Rennrad: Auf weit vorgebeugte Haltung ausgelegt. Hier gilt die recht verbreitete Formel: 0,66 mal Schrittlänge = Rahmengröße. Sie gilt so aber nur für Rennmaschinen und erspart keineswegs die Probefahrt und weitere Anpassungen.
  • City oder Urban: Hier wird der Rahmen etwas kleiner gewählt, der Sitz kann mehr oder weniger aufrecht ausfallen.
  • Mountainbike/Trekking: Hier ist der Rahmen noch kleiner, weil Wendigkeit und Handling im Vordergrund stehen. Du solltest aber nicht niedriger sitzen als bei anderen Rädern, was manche tun, weil es subjektiv das Gleichgewicht im Gelände verbessert. Also: das Bein soll beim unten stehenden Pedal fast gestreckt sein, sonst belastet das Treten die Knie falsch.

Mehr zu den verschiedenen Typen findest du hier: Welches Fahrrad passt zu mir?

Rahmen-Experte Holger Koch widerspricht übrigens der verbreiteten Annahme, mit dem Typ sei die Sitzposition weitgehend festgelegt. Mit entsprechenden Einstellungen kannst du ein Rennrad relativ bequem und ein City-Rad durchaus sportlich fahren.

Grundregel 4: Kleine Schritte!

Auch das Rad mit der passenden Größe sollte noch feinjustiert werden. Vor allem, was die Länge angeht. Etwas Spiel gibt es bei den meisten Satteln – in der Höhe sowieso, und sie lassen sich ein Stückchen in der Befestigung nach vorn oder hinten verschieben. Ausprobieren!

Schwieriger wird es beim Lenker. Moderne Ahead-Vorbauten gestatten in der Regel keine Veränderung in der Höhe oder Länge, jedenfalls nicht ohne Weiteres. Wer einen längeren oder kürzeren Abstand zum Lenkerkopf will, muss in der Regel den Vorbau austauschen und mit Adaptern und Distanzhülsen arbeiten. Das ist knifflig und womöglich gefährlich. Bei den meisten Rädern löst du mit der Lenkstange auch das zum Lenker gehörende Lager – wenn du dir nicht zutraust, das korrekt wieder einzustellen, lass’ es lieber den Fachmann machen.

Um das zu umgehen, gibt es Produkte wie den „Speed Lifter“, die eine Höhenverstellung des Lenkers ohne Werkzeug erlauben. Das kann eine gute Investition sein, um auf längeren Touren mal die Position zu ändern.

Holger Koch empfiehlt für diese und andere Einstellungen eine Annäherung in kleinen Schritten: „Man muss sich da hinspüren.“

Rahmen-Geometrien zwischen Rennrad (l.) und Holland-Rad (r.): Je sportlicher, desto mehr nach vorn geneigt der Oberkörper. Das liegt auch am Höhenverhältnis zwischen Lenker und Sattel. | © fahrrad-rat.de

Über #BeatYesterday-Autor Raimund Witkop


Raimund Witkop hat als Sportjournalist (u.a. Welt am Sonntag, FAZ) auch über den Profi-Radsport berichtet. Privat kommt er vom Fußball und ist beim Tennis gelandet. Seine 6-jährige Tochter vermittelt ihm einen neuen Blick auf den Sport: Wettkampf zu mögen, muss man lernen. Die Übung, in der sie ihn als erstes überflügeln wird, steht aber schon fest: ein Rad schlagen.

Veröffent­lichungsdatum: 23.01.2019
Bewerte diesen Artikel
1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars 3,5723
Loading...
23  Ø 3.57
Garmin Edge 1030
19.04.2018

Ultimativer Fahrradcomputer für Experten

  • Neben Datenaufzeichnung/anzeige, umfangreiche Navigationsmöglichkeiten
  • Touchscreen – 3,5″ Zoll helles und drehbares Touchscreen-Display, handschuhfreundlich
  • Umfangreiche Navigationsfunktionen – wie RoundTrip Routing oder Popularity Routing auf vorinstallierter Europa Fahrradkarte
  • Performance Analyse – VO2max., Stress Score Erholungsratgeber, FTP, Zeiten in HF-Bereichen

zu Garmin.com
Mehr laden
loader