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Hans Kammerlander beschloss mit acht Jahren einfach mal die Schule zu schwänzen und auf seinen ersten Dreitausender zu kraxeln. | © Thilo Brunner

Hans Kammerlander: „Wenn's gut geht, bist a Held, wenn's schiefgeht, bist halt tot“

Das Leben des Ausnahme-Bergsteigers war geprägt von Höhen und Tiefen. In einem Kinofilm wird das nun deutlich. Im Interview schildert Kammerlander die harte Realität.

Reinhold Messner kennt jeder. Hans Kammerlander hingegen, der mit acht Jahren einfach mal beschloss, die Schule zu schwänzen und auf seinen ersten Dreitausender zu kraxeln, kennen die wenigsten. Das wird sich schon bald ändern, spätestens ab dem 14. Dezember. Dann läuft Kammerlanders Lebensporträt „Manaslu – Berg der Seelen“ in Österreich an (Kinostart in Deutschland am 3.1.2019). Ein spannender Film, bestehend aus Archivaufnahmen, nachgespielten Szenen und dem Doku-Material des letzten großen Abenteuers des 61-Jährigen: der erneuten Besteigung des 8.163 Meter hohen Manaslu in Nepal.

Der Manaslu erhebt sich majestätisch über dem Kloster von Lho im Budhi Gandaki Valley, Nepal. | © iStock.com/Planet Watch

Einen biografischen Kinofilm, das hat selbst Messner nicht geschafft. Eines verbindet die beiden Südtiroler jedoch: sieben von 14 Achttausendern haben sie gemeinsam bestiegen. Hans Kammerlander, der sich selbst als „normalen Weltklasse-Bergsteiger“ bezeichnet, hält bis heute den Rekord über die schnellste Besteigung der Nordroute auf den Gipfel des Mount Everest. Während alle anderen Alpinisten sich bis dato mühsam zu Fuß wieder herunterquälten, wedelte Kammerlander von 8.848 Metern einfach ab. Auf Skiern.

Im Interview mit Andreas Haslauer spricht der Grenzgänger über seinen Film „Manaslu – Berg der Seelen“, warum das ewige Eis ein „würdiges Grab“ ist, er stets am Berg einen Wecker stellen muss, um die Gipfelbesteigung nicht zu „verpennen“, und Reinhold Messner wirklich ein „schlampiger Seilpartner“ ist.

#BeatYesterday-Autor Andreas Haslauer (l.) im Gespräch mit Hans Kammerlander (r.). | © Thilo Brunner

BeatYesterday (BY): Werden abgestürzte Bergsteiger eigentlich auf einem Achttausender geborgen und abtransportiert?

Hans Kammerlander (HK): Meistens ist das Risiko für alle Beteiligten zu groß. Deshalb kommt es nur ganz selten vor, dass jemand von dort oben „nach unten geholt“ und im Tal begraben wird. Außerdem ist für uns Höhenbergsteiger dort oben das würdigste Grab, das wir uns vorstellen können. Auf über 8.000 Metern, im ewigen Eis. Wieso fragst du?

BY: Nun, vor wenigen Wochen bist du zum Manaslu in Tibet aufgebrochen, wolltest an zwei deiner besten Freunde vorbei, die du dort vor 26 Jahren verloren hast. Warum hast du das gemacht?

HK: Weil ich das Gefühl hatte, dass ich mit der Besteigung des achthöchsten Berges der Welt zwei Kapitel für mich abschließen kann.

BY: Welche Kapitel sind das?

HK: Manaslu heißt ja „Berg der Seele“. Und um mein Seelenleben im Reinen zu halten, wollte ich das Todesdrama in Tibet vor 26 Jahren für mich verarbeiten. Deswegen habe ich mich mit 60 Jahren noch einmal dorthin aufgemacht. Das hatte ich Gerald Salmina, dem Regisseur einiger herausragender Bergfilme, erzählt. Der war von meinem Motto so begeistert, dass wir einen Kinofilm gedreht haben.

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BY: Was ist dein Motto?

HK: Schau, bei mir ist wahrlich nicht alles im Leben glattgelaufen, sowohl privat als auch beruflich. Mehr noch: Ich habe viele ganz schreckliche Erlebnisse am Berg hinter mir. Mit dem Film will ich den Leuten zeigen, dass jeder seinen eigenen Weg zu Ende gehen soll. Egal wie er aussieht. Heute verlieren jedoch viele Menschen ihr Ziel aus den Augen. Ich wollte noch mal auf den Manaslu, um über die schrecklichen Ereignisse von 1991 hinwegzukommen. Das ist meine Art der Verarbeitung und damit schließe ich das zweite Kapitel.

BY: Auf den Gipfel hast du es nicht geschafft. Warum?

HK: Das Wetter war traumhaft. So etwas habe ich noch nie erlebt: jeden Tag blauer Himmel, Sonnenschein von morgens bis abends. Ich glaube, in den 17 Tagen habe ich keine einzige Wolke gesehen. Das Problem war jedoch der Schnee. Auf uns wartete zwei Meter frischer Neuschnee. Diese ungeheuren Schneemassen waren unmöglich zu bändigen. Mehr noch: Wir steckten bis zum Hals fest.

BY: Bist du geknickt?

HK: Überhaupt nicht. Ich komme voller Dankbarkeit und Demut zurück. Früher wäre ich wahrscheinlich auf Teufel komm raus da hinauf, heute mache ich so etwas nicht mehr. Bei solch gefährlichen Lawinen-Verhältnissen ist es einfach besser, heimzugehen.

Die Rückkehr 2017: Hans Kammerlander steht nach 26 Jahren wieder vor seinem Schicksalsberg – dem Manaslu. | © Jochen Hemmleb/Planet Watch

Für die dokumentarischen Szenen des Films, die entstanden, als Hans Kammerlander erneut den Manaslu bestieg, wurde das Team mit folgenden Produkten von Garmin ausgestattet:

BY: 1991 starben Friedl Mutschlechner und Carlo Großrubatscher. Was ist damals passiert?

HK: Wir sind zu dritt aufgebrochen. Nach einer Weile entschied sich erst Friedl umzukehren, dann Carlo. Ich bin zunächst alleine weiter, musste dann aber auch umkehren, weil das Wetter nicht passte. Es war so unglaublich kalt, gleichzeitig tobte da oben ein Sturm. Als ich im Camp ankam, lag jedoch nur Friedl im Zelt. Von Carlo fehlte jede Spur. Also machten wir uns auf, um ihn zu suchen. Der lag 150 Meter weiter unter dem Lager. Tot. Er hatte nur ein Steigeisen an den Füßen. Wahrscheinlich ist er oben am Eishang ausgerutscht und hat sich dabei das Genick gebrochen. Mir ist es bis heute ein Rätsel, wie so einem erfahrenen Bergsteiger so etwas passieren kann.

BY: Was habt ihr dann gemacht?

HK: Mir war klar, wir müssen wegen des schlechten Wetters so schnell wie möglich vom Berg runter. Es zog Nebel auf, gleichzeitig lag ein elektrisches Summen in der Luft. So, als würde gleich ein fürchterliches Gewitter über uns losbrechen. „Hans, wir warten noch ein bisschen, bis es aufklart. Sonst fallen wir noch in eine Gletscherspalte.“ Das waren seine letzten Worte.

BY: Wieso traf der Blitz ausgerechnet ihn?

HK: Friedl stand nur ein paar Meter von mir entfernt, hatte noch seinen Rucksack mit den Eispickeln rechts und links gen Himmel und Wetter gestreckt. Diese haben den Blitz regelrecht angezogen. Ich hingegen hatte meinen Rucksack schon in den Neuschnee gelegt und mit meiner gebückten Haltung einfach nur Glück. Das war alles so fürchterlich. Es roch nach Schwefel und gegrilltem Fleisch. Der Blitz ist Friedl direkt in den Kopf eingeschlagen. Seine Mütze war mit Brandlöchern übersät.

BY: Und du hast gar nichts abbekommen?

HK: Meine Hand war verbrannt, weil ich das Seil in der Hand hielt. Friedl und ich waren ja als Seilschaft unterwegs. Das waren wirklich die schwersten Stunden meines Lebens, binnen vier Stunden verlor ich zwei richtig gute und enge Freunde. Mir war klar: Wenigstens muss ich jetzt heil vom Berg runterkommen, schließlich muss ich Friedls und Carlos Angehörigen die Nachricht übermitteln.

BY: Hast du Schuldgefühle? Du warst im Trio der Einzige mit hochalpiner Erfahrung.

HK: Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen hart. Aber jeder, der sich entschließt, auf einen Achttausender zu steigen, weiß, dass er womöglich nicht zurückkommt. Friedl und Carlo waren zwei Bergführer, sie wussten also, was da oben passieren kann. In der Todeszone ist jeder für sein eigenes Leben verantwortlich. Selbstkritisch muss ich mir als Expeditionsleiter jedoch eingestehen, dass ich mit den beiden hätte absteigen sollen und nicht alleine weiter Richtung Gipfel gehen. Deswegen fühle ich mich bis heute ein bisschen mitschuldig. Auch wenn es blöd klingt, ein „bisschen mitschuldig“. Nun ist aber nach dem erneuten Manaslu-Versuch alles gut. Ich fühle mich wirklich entlastet. Die Schuldgefühle sind deutlich weniger worden. Dafür bin ich dankbar.

Kammerlanders Rückkehr zum Manaslu 2017: Das Team im Aufstieg zwischen Lager 1 und 2. | © Robert Neumeyer/Planet Watch

BY: Warst du nervös? Die ganze Welt hat wegen des Drehs auf dich geschaut.

HK: Nein, überhaupt nicht. Das hört sich vielleicht etwas angeberisch an, aber: Ich weiß, was ich kann und was nicht. So war es schon immer. Die Berge und ich sind, seitdem ich mit acht Jahren die Schule schwänzte und heimlich einem Urlauberpaar, das mich nach dem Weg fragte, auf den 3.059 Meter hohen Moosstock folgte, eins.

BY: Das war damals schon ein riskantes Manöver. Wie oft musstest du schon um dein Leben fürchten?

HK: Mehr als ein Dutzend Mal. Am Nuptse, das ist ein Siebentausender gegenüber dem Everest, planten wir, dort oben zu übernachten, entschieden uns aber dagegen. Stunden später brach der halbe Gletscher ab und begrub alles unter sich – auch unser geplantes Lager. Am Ortler überlebte ich wegen zwei Sekunden. Die Lawine sauste keine zehn Meter hinter mir den Berg hinab und schluckte meinen Bergführer-Kollegen. Sie spuckte ihn nicht mehr aus. Und am K2 verpasste uns die Eislawine auch nur um ein paar Meter. Eigentlich ist es ein Wunder, dass ich noch lebe. Andere hatten nicht so viel Glück …

BY: … wie Luis Brugger. 2006 stürzte er bei einer gemeinsamen Tour mit dir auf 6.800 Metern am Jasemba ab.

HK: Wir kamen gerade vom Gipfel des Siebentausenders im Himalaya. Luis war gut 50 Meter vor mir. Als ich um die Ecke kam, war er plötzlich verschwunden. Wahrscheinlich hat er ganz einfach vergessen, sich zu sichern oder die falsche Schlaufe erwischt. Er ist mehr als 1.000 Meter in die Tiefe gestürzt. Ich habe ihn einfach nicht mehr gesehen, nicht mal einen letzten Schrei habe ich von ihm gehört. Luis war einfach weg.

BY: Was hast du in diesen Momenten gemacht? Erst mal um deine Bergkameraden getrauert?

HK: Es geht da oben um eines: ums Überleben. Die Zeit und den Platz zum Trauern hast du in so extremen Situationen einfach leider nicht. Die Trauer und der Schock setzen immer erst später ein.

BY: Luis Brugger ist ja nicht der Einzige.

HK: Das tut schon verdammt weh. Mir sind eigentlich nur Daniel Wellig, Konrad Auer und Reinhold Messner geblieben. Alle anderen, und das sind mehr als 80 Prozent meiner ganzen Bergkameraden, leben nicht mehr. Bei uns gibt es keine Fangnetze wie bei Skirennen, keine Reifenstapel wie in der Formel 1. Ein Fehler ist bei uns meist tödlich.

BY: Hast du eigentlich Angst vor dem Tod?

HK: Nein, gar nicht.

BY: Bist du nie mit dem Gedanken aufgebrochen, dass du vielleicht nicht mehr zu deiner Familie heimkehren könntest?

HK: Noch nie. Ich war immer der festen Meinung, dass ich zurückkomme. Der Kopf muss frei sein. Stressen habe ich mich noch nie lassen. Während andere am Abend vor dem Gipfeltag zehn Mal ihren Rucksack kontrollierten, bin ich ganz entspannt schlafen gegangen. Ich musste mir sogar immer den Wecker stellen, sonst hätte ich die eine oder andere Gipfelbesteigung schlichtweg verpennt.

BY: Hast du die Gefahren verdrängt?

HK: Na klar! Das ist wie im wahren Leben. Man denkt oft nur an die schönen Seiten, die schlechten vergisst man. Andererseits muss man das auch abkönnen. Wer ständig am Berg Angst hat, sollte entweder Pilze sammeln oder ins Wirtshaus Karten spielen gehen.

Auf dem Höhepunkt: Hans Kammerlander 1996 auf dem Gipfel des Mount Everest vor der ersten Skiabfahrt. | © Planet Watch

BY: Deine größten Erfolge hast du mit Reinhold Messner gefeiert. Was kannst du, was er nicht kann?

HK: Skifahren. Ich war zu dem Zeitpunkt vielleicht der Einzige auf der Welt, der ganz gut klettern und ganz gut Skifahren konnte. Also jenseits der 8.000-Meter-Grenze halt (grinst). Einfach war es für mich trotzdem nicht. Besonders am Nanga Parbat über die Diamir-Flanke. Die Wand geht 4.000 Meter nahezu senkrecht hinunter. Die Hänge haben eine Neigung von 60 Grad. Die sind so steil, dass du beim Skifahren mit deinem Hintern den Schnee im Stehen berührst. Wenn du da auch nur einmal stürzt, hast du in deinem Leben keine Zahnschmerzen mehr.

BY: Wie ist das Gefühl, wenn man den Mount Everest auf zwei Brettern hinunterfährt?

HK: Unbeschreiblich. Allerdings habe ich dort oben knapp zehn Minuten gebraucht, um loszufahren. Zum einen, weil es ein mythischer Moment war: Bis dato ist ja noch kein Mensch vom höchsten Berg der Welt abgefahren. Zum anderen, weil ich wusste, dass dies doch mit ein paar Risiken verbunden ist, wenn man über die Nordflanke auf dem Rongbuk-Gletscher abfährt. Mit normalem Skifahren hat das ja nichts zu tun. Man bekommt keine Luft, der Schnee ist hart wie Beton, der Körper schreit unentwegt nach Luft, die Lunge brennt. Gesund ist was anderes.

BY: Die Abfahrt verlief nicht nach Plan.

HK: Der Anfang schon. Dann stand ich allerdings mitten auf einem Eisfeld, konnte keinen Schwung mehr setzen. Zum Glück hing da noch ein altes Fixseil. An diesem habe ich mich rübergezogen und dabei einen Handschuh verloren. Bei minus 40 Grad keine gute Situation. Ich wusste, nur ein paar Meter weiter unten ist vor kurzem ein Inder ums Leben gekommen. Also fuhr ich bis dahin ab und lieh mir einen Handschuh von ihm. Ohne ihn hätte ich bei der Eiseskälte meine Finger verloren.

BY: Hattest du keine Ersatz-Handschuhe dabei?

HK: Wenn ich vorschriftsmäßig unterwegs gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich nicht einen einzigen Rekord aufgestellt. Am 23. Mai 1996 bin ich nachmittags um fünf los – um die Zeit geht man normalerweise dort ins Bett. Mein Gepäck war ein Rucksack aus Fallschirm-Stoff, ein paar Ski, eine Windjacke und ein Liter Wasser. Das wog zusammen fünf Kilo. Ich hatte sonst nichts dabei. Ein Backup gibt es bei solchen Expeditionen nicht. Ganz nach dem Motto: Wenn’s gut geht, bist a Held, wenn’s schiefgeht, bist halt tot.

Todesgefahr: Kammerlander stürzt bei der Doppel-Überschreitung von Gasherbrum II zum Hidden Peak in eine Gletscherspalte. | © Planet Watch

BY: Umgekommen wärst du fast bei einer Expedition mit Reinhold Messner. Die Doppel-Überschreitung von Gasherbrum II (8.034 Meter) zum Hidden Peak (8.080 Meter) wurde euch beiden fast zum Verhängnis.

HK: Das war aber weniger meine Schuld. Der Gletscher war fies und ekelhaft mit richtig viel Schnee. Es gibt Gletscher, da kannst du eine Herde Rindviecher rübertreiben. Der Gasherbrum gehört nicht dazu. Im Gegenteil. Bis zur Hüfte sind der Reinhold und ich im Schnee versunken. Immer wieder habe ich zu ihm gesagt: „Reinhold, halte Abstand, halte das Seil auf Spannung.“ Der Reinhold war aber noch nie so ein guter Seilexperte. Manchmal war der wirklich schlampig. Und dann ging mitten im Gletscher eine Art Falltür auf und ich stürzte 15 Meter in die Gletscherspalte.

BY: Wie hat Messner dich da rausbekommen?

HK: Wir hatten weder Steigeisen an den Füßen noch einen Klettergurt, lediglich, wie Luis Trenker zu seinen besten Zeiten, ein Seil um die Hüften gelegt. Als ich dann runterfiel, zog es mir das Seil bis unter die Brust. Ich wusste: Ab jetzt habe ich noch 15 Minuten zu leben. Dann geht mir die Luft aus. Mein Glück war aber, dass ich relativ schnell an meine Steigeisen gekommen bin. Die habe ich mir angezogen und mich an den eisglatten Wänden hochgezogen. Wenn mir auch nur ein Steigeisen runtergeflogen wäre, hätte das meinen sicheren Tod bedeutet. Reinhold hätte mir nicht helfen können.

BY: Was hast du von Messner gelernt?

HK: Besonnenheit. Immer und immer bremste er mich. „Hans, heute lassen wir das. Der Gipfel läuft uns nicht weg. Wir haben jederzeit die Chance, hier wieder zurückzukehren.“Er hat mir erst beige­bracht, dass man auch umdrehen kann, ohne dabei das Ziel aus den Augen zu verlieren.

BY: Bei einem Interview sagte er mal, dass „Freunde“ der falsche Ausdruck für eure Beziehung sei. Mehr als es eine starke Seilschaft sei es nicht gewesen.

HK: Ich sehe das anders. Wenn man acht Tage mit einem Menschen zusammen so etwas wie eine Doppel-Überschreitung durchzieht und dann auch noch sieben Achttausender gemeinsam besteigt, dann muss ich diesem Menschen zu 100 Prozent vertrauen können. Und mein Leben kann ich nur einem Freund anvertrauen. Und Reinhold habe ich zu jeder Sekunde mein Leben anvertraut. Deshalb nenne ich Reinhold auch einen Freund. Glaub’ mir, besonders nach meiner Alkoholfahrt wusste ich für mich, was Freundschaft bedeutet. Das sind diejenigen, die nach einem schweren Schicksalsschlag mit einem reden, statt ständig nur über einen.

Probleme trotz Traumwetter: Zwei Meter Neuschnee machen den Aufstieg auf den Gipfel des Manaslu unmöglich. | © Stephan Keck/Büro Hans Kammerlander

BY: Du hast vor vier Jahren einen Autounfall mit fünf Fahrzeugen verursacht, bei dem ein junger Mann starb. Im Blut wies man dir 1,48 Promille nach. Wie kam es dazu?

HK: Ein Bergsteigerkollege feierte Geburtstag. Ich habe in der Nacht zuvor kaum geschlafen, weil ich von einer Vortragsreihe aus Deutschland kam. Dann wollte ich mit ihm schnell anstoßen und gleich wieder heim. Ich blieb jedoch länger, trank noch das eine oder andere Glas.

BY: Was ist genau passiert?

HK: Ich geriet auf der Straße durch ein grelles Licht auf die Gegenfahrbahn. Dem Richter habe ich gleich klargemacht, dass dies der größte Fehler meines Lebens war. Es war mehr als ein Fehler. Nun habe ich ein Menschenleben auf dem Gewissen. Das wird mich bis an mein Lebensende begleiten. Ich wünschte, ich könnte es rückgängig machen. Diesen Gedanken habe ich täglich.

BY: Du hast zwei Jahre auf Bewährung bekommen, ein Jahr Führerscheinentzug wegen fahrlässiger Tötung und Alkohol am Steuer.

HK: Zu Recht. Wie gesagt: Das war ja mein großer Fehler. Andererseits war ich in der Nacht nicht der Einzige, der falsch handelte. Die Öffentlichkeit sah das anders. Ich war der Buhmann.

BY: Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, sind Vorbilder. An dem Abend warst du es nicht.

HK: Wenn ich den Everest auf Skiern runterfahre oder quer durch die Antarktis laufe, warum soll ich dann ein Vorbild sein? Das ist Quatsch. Der Dalai Lama ist ein Vorbild, die Mutter Theresa. Ich war hingegen nie eines und will auch keines sein. Mir war ganz wichtig, dass dieses Thema, also die Alkoholfahrt, auch im Film vorkommt. Nicht nur die schönen Zeiten, sondern auch die schlimmen und schlechten Zeiten sollten thematisiert werden. Es wird nichts beschönigt oder in ein anderes Licht gestellt: schonungslos, offen, ehrlich.

BY: Wenn du zurückblickst: Was hast du von den Bergen gelernt?

HK: Demut, Demut und nochmals Demut. Und den Unterschied zwischen Gipfelglück und Gipfelerfolg.

BY: Was ist der Unterschied?

HK: Als ich als achtjähriger Bub den Moosstock hier in meiner Heimat, dem Ahrntal, hinaufkletterte, war das für mich Gipfelglück. Als Bergsteiger-Profi kamen nur Gipfelerfolge hinzu. Dies ist mir überhaupt nicht mehr wichtig.

BY: Blickst du schon heute auf ein erfülltes Leben zurück?

HK: Absolut. Ich habe am Berg und im Leben einiges falsch gemacht, vieles aber auch richtig. Der Kopf ist voll schöner Erinnerungen, die Garage mit Oldtimern gefüllt. Und das ganze Haus hängt voll mit Tiroler Speck.

Das Wichtigste in meinem Leben ist meine Tochter Zara, die aber in Hamburg bei ihrer Mutter lebt. Daher sehe ich sie nicht so oft, was sehr schade ist. Wichtig sind mir natürlich auch die Berge, die ich in Zukunft noch besteigen möchte. Die Höhe und Steilheit spielen dabei wirklich keine große Rolle, sondern das Erlebnis und die Verbundenheit mit der Natur.

BY: Wie sehen die Erlebnisse in der Zukunft aus?

HK: In meinem Leben will ich nur noch das machen, was mir Spaß macht. Deshalb ist es auch mein Ziel, als 80-Jähriger auf den Moosstock zu steigen.

© Baschi Bender

Über #BeatYesterday-Autor Andreas Haslauer


Ihn zieht es immer nach oben. Er möchte immer über den Dingen stehen. Deswegen rennt und radelt Andreas Haslauer immer die Berge hinauf. Sei es auf seinen Hausberg, den Wallberg am Tegernsee. Oder die 48 Kehren zum Stilfser Joch hoch. Wenn er mal nicht rennt und radelt, dann redet er. Und das stundenlang. Am liebsten mit Menschen, die anders sind. Die an ihre Grenzen gehen. Oder darüber hinaus. Mit Extremsportlern. Mit Bergsteigern. Mit Ausdauer-Freaks. Mit Testosteron-Bolzen.

Veröffent­lichungsdatum: 17.12.2018
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