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Streakrunning - gesund oder nur was für Süchtige? | © iStock.com/yuran-78

Lauftrend Streakrunning: Nur was für Verrückte?

Streakrunner laufen jeden Tag, sieben Tage die Woche, 365 Mal im Jahr. Ist das noch gesund oder nur was für Süchtige? Autor David liefert die Antworten.

Wer regelmäßig Laufen geht, hat es bestimmt schon beobachtet: Es gibt den Schönwetterläufer, den Sprinter, den Zeitlupenschleicher oder den ambitionierten Jungvater, der seinen Nachwuchs im Buggy vor sich herschiebt. Und dann gibt es noch den Streakrunner. Wer ist das denn?

Laufen als tägliche Routine

Hundebesitzer gehen täglich Gassi, Streakrunner machen eigentlich das Gleiche, nur ohne Hund. Die Regeln, aufgestellt von der United States Running Streak Association, sind leicht zu verinnerlichen: Wer jeden Tag mindestens eine Meile (1,6 Kilometer) läuft, darf sich zugehörig fühlen. Natürlich kann man auch mehr Strecke machen, auf keinen Fall aber mal einen Tag pausieren. Wer krank ist und nicht raus kann, darf auch in der Wohnung laufen. Wer dazu nicht in der Lage ist, muss seinen „Streak“ abbrechen – und wieder von vorne anfangen. Der Guru der Szene ist der US-Amerikaner Ron Hill, der zwischen 1963 und 1991 teilweise zweimal täglich die Schuhe schnürte.

Wann mach Streakrunning überhaupt Sinn?

Als passionierter Hobby-Jogger ist man schnell geneigt zu denken: Das ist nur was für Manische, die sich stoisch einem Fitnessdiktat unterwerfen wollen. Oder noch extremer: Das machen nur Süchtige, die vom Laufen nicht genug bekommen können. Laufexperte und Coach Lorenz Wolf aus München sieht das naturgemäß entspannter: „Streakrunning ist in der Off-Saison, also im Winter, eine gute Möglichkeit, um abschnittsweise mal Abwechslung zu den klassischen Trainingsplänen zu bekommen. Man sollte aber nicht den Fehler machen, dass man sein wöchentliches Pensum einfach auf sieben Wochentage verteilt.“

Streakrunning macht nur dann Sinn, wenn man an die richtige Be- und Entlastung denkt. Wer jeden Tag trainiert, muss dementsprechend regenerieren, damit sich der Körper erholt. Eine Leistungssteigerung findet nämlich nur in den Ruhephasen statt – und nicht, wenn man jeden Tag bis zum Anschlag trainiert.

Lorenz Wolf, Laufexperte und Coach aus München

Streakrunning als langfristige Alternative?

Wie bei vielen Trainingsmethoden gilt auch hier: Neue Reize und Varianten sind kleine Tricks, um besser in den eigenen Körper hineinhorchen zu können. Klar, jeder will fitter und leistungsfähiger werden sowie die eigene Ausdauer optimieren. Wer jeden Tag läuft, kann aber schnell in eine Falle tappen, die sich eher gegenteilig auswirkt: Wer täglich die gleiche Ministrecke läuft, droht zu stagnieren, weil der Körper zu schnell in Routine verfällt. Wer sich mit dem Pensum jedoch übernimmt, belastet Gelenke, Muskeln und Organismus zu heftig. Lorenz Wolf lobt die goldene Mitte: „Streakrunning macht nur dann Sinn, wenn man an die richtige Be- und Entlastung denkt. Wer jeden Tag trainiert, muss dementsprechend regenerieren, damit sich der Körper erholt. Eine Leistungssteigerung findet nämlich nur in den Ruhephasen statt – und nicht, wenn man jeden Tag bis zum Anschlag trainiert.“

Laufen bis der Arzt kommt?

Die Risiken liegen also auf der Hand, die Strafe folgt auf dem Fuße. Viele designierte Streakrunner entwickeln gerade am Anfang zu viel Ehrgeiz, fahren das Pensum zu hoch und tun Warnsignale des Körpers voreilig als Lappalien ab. Nicht vergessen: Man muss stets feinfühlig bleiben und in sich hineinhorchen. Lorenz Wolf: „Wer Streakrunning ausprobieren will, sollte sich auf drei Wochen oder maximal 30 Tage beschränken. Einfach mal testen, wie der eigene Körper auf die neue Trainingsmethode reagiert. Ganz wichtig: Man muss beim Streakrunning als Läufer ein noch feineres Gespür dafür entwickeln, was der Körper braucht. Zwickt es vielleicht schon in der Wade oder fühle ich mich allgemein nicht gut? Besser den Streak abbrechen, statt in eine Verletzung hineinzulaufen.“

Streakrunner sollten auf Warnsignale des Körpers hören! | © iStock.com/Lordn

Wie man Streakrunning in den persönlichen Trainingsplan einbaut

Nicht zu viel, nicht zu wenig – was für viele Lebensbereiche gilt, ist hier besonders wichtig: Die gesunde Balance ist notwendig, damit Streakrunning nicht nur Spaß macht, sondern auch sinnvoll für Körper und Geist ist. Wer sich schon mal auf einen Marathonlauf vorbereitet hat, weiß, wie wichtig die Abwechslung ist. Ähnlich verhält es sich beim Streakrunning: „Man sollte verschiedene Methoden in den Trainingsplan einbauen: Fahrtspiele, Sprints, lockerer Dauerläufe, Tempowechsel- oder Minutenläufe wie 500 Meter schnell und 500 Meter langsam oder Steigerungs-/Crescendoläufe“, sagt Lorenz Wolf.

Sind Streakrunner insgeheim Ultra Runner?

Um ein Missverständnis aus der Welt zu schaffen: Die meisten Streakrunner sind gar nicht so heftige Läufer. Für die meisten geht es schlicht darum, dass Bewegung zu ihrer Lebensanschauung gehört und etwas Alltägliches ist, eine geliebte Routine, die zum Wohlbefinden beiträgt. Streakrunner müssen sich nicht aufraffen – viel mehr wird das tägliche Laufen zu einem Automatismus, der selbstverständlich ist und keinen Platz für Selbstzweifel oder Motivationsprobleme lässt. Das macht sie noch lange nicht zu Ultra Runnern, ganz im Gegenteil. Gerade weil die Extremläufer in Vorbereitung auf einen Wettkampf (etwa einen 69-km-Run) große Distanzen zurücklegen, sind hier viel mehr trainingsfreie Tage wichtig, damit sie punktgenau fit werden.

Intelligentes Management mit körpereigenen Ressourcen zeichnet einen guten Athleten aus – nicht die Anzahl der Lauftage oder Kilometer im Trainingstagebuch. Einen Streak abzubrechen, bedeutet kein persönliches Scheitern, sondern kennzeichnet einen mündigen Athleten.

Lorenz Wolf, Laufexperte und Coach aus München

Streak abgebrochen – zurück auf Los!

Vor allem im Winter haben viele Hobbyläufer bekanntlich mit der richtigen Motivation zu kämpfen. Mir geht es natürlich auch ständig so: Nach Feierabend noch eine zehn Kilometer lange Alsterrunde inklusive Schneematsch und Minusgrade? Bin? Ich? Irre? Die gute Nachricht: Jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt, um die Streakrunning-Methode in den Trainingsplan einzubauen, um den Muffel in einem selbst zu bändigen. Drei Wochen austesten? Das sollte irgendwie machbar sein. Ob man danach täglich weiterläuft, wird sich dann zeigen. Am wichtigsten ist die Erkenntnis, dass ein Streak jederzeit wiederholt werden kann, wenn mal einen oder mehrere Tage pausiert. Lorenz Wolf: „Intelligentes Management mit körpereigenen Ressourcen zeichnet einen guten Athleten aus – nicht die Anzahl der Lauftage oder Kilometer im Trainingstagebuch. Einen Streak abzubrechen, bedeutet kein persönliches Scheitern, sondern kennzeichnet einen mündigen Athleten.“

Mehr Infos zu Lorenz Wolf: www.x-athleticum.de

© Philipp Jordan/FatBoysRun.de

Über FatBoysRun


Im neuesten Lauf-Podcast von FatBoysRun (Episode 204) geht es unter anderem um das Thema Streakrunning (ab Minute 16:00). Philipp Jordan erzählt von seinen Erfahrungen in den vergangenen zweieinhalb Wochen als „Täglichläufer“ und holt sich professionelle Einschätzung von Lauf-Coach Michael Ahrend.

www.fatboysrun.de

Über David Siems


David Siems wohnt in unmittelbarer Nähe der Hamburger Außenalster und hat damit die beste und schönste Laufstrecke der Stadt quasi vor der Haustür. Blöderweise hat er trotzdem regelmäßig mit Motivationsproblemen zu kämpfen. Früher lief er bei Marathon-Wettkämpfen gerne als Björn Borg oder Andre Agassi verkleidet (Schläger inklusive), um sich zu pushen. Heute reicht gute Musik auf den Ohren, etwa das „Revolver“-Album von den Beatles oder Leonard Cohen.

Veröffent­lichungsdatum: 19.12.2017
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