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Der äthiopische Langstreckenläufer Lemawork Ketema startet seit fünf Jahren für Österreich - sein großes Ziel: Olympia 2020 in Tokio. | © ÖLV

Lemawork Ketema – der Marathonmann aus den Alpen

Der äthiopische Langstreckenläufer Lemawork Ketema startet seit fünf Jahren für Österreich. Seine wichtigste Regel: Ohne positives Denken läuft nichts.

Dieser Akzent, einfach wunderbar. Wer Lemawork Ketema zum ersten Mal beim Sprechen zuhört, dürfte durchaus beeindruckt sein, wie gut er in Deutsch parliert. Zumindest für jemanden, der erst vor fünf Jahren aus Äthiopien nach Österreich gekommen ist. Doch wer genauer hinhört, entdeckt noch viel mehr. Diesen ganz leichten Schmäh und die Wortbetonungen und das Dehnen der Vokale, wie sie halt nur denjenigen vorbehalten sind, die aus Wien stammen oder dort seit längerer Zeit leben. Und der 31-Jährige hat sich nicht nur privat, sondern auch sportlich sehr schnell im Alpenstaat akklimatisiert: Im Frühjahr 2014 gewann er auf Anhieb den Wiener Halbmarathon, danach folgten unter anderem Titel beim Graz-Marathon oder beim „Wings For Life Run“. 2017 und 2018 wurde er österreichischer Meister im Halbmarathon – und bei der jüngsten Leichtathletik-EM in Berlin lief er mit 02:13:22 seine persönliche Marathon-Bestzeit und holte die Bronzemedaille.

Früher trainierte er oft alleine – im Asylheim

Auch auf die Frage aller Fragen – Weißt du, warum du läufst? – hat er eine schnelle Antwort:

Ich liebe Sport – und Laufen ist mein Leben. Das ist bei jedem anders, und jeder hat andere Gründe und Motivationen zu laufen. Aber solange ich keine Schmerzen habe, ist Laufen für mich pure Lust. Es macht mich glücklich und stimmt mich positiv. Wenn ich einen Tag lang nicht trainiere, dann fühle ich mich nicht gut.

Lemawork Ketema

Es ist gar nicht so lange her, da fühlte sich der Österreicher überhaupt nicht gut. 2013 lebte er noch in Äthiopien, nahm an lokalen Wettkämpfen teil und träumte von der großen Läuferkarriere. Doch es gab Streit. Und Ärger. Zuerst mit Trainern, dann mit dem Verband und schließlich auch mit anderen Läufern. Ketema wurde gesperrt und verlor für kurze Zeit die Lust am Laufen. Bad Vibrations. Was genau passiert ist, darüber will er im Interview nicht sprechen. Doch als 2013 die Einladung zum Salzburg-Marathon kam und Ketema im Flieger saß, war das wie ein Zeichen. Der berühmte Wink des Schicksals. „Ich habe nie darüber nachgedacht, irgendwann mal im Ausland oder gar in Europa zu leben. Es ist einfach Zufall, dass ich jetzt hier bin. Und ohnehin: Wer eine gute Zeit läuft, kann sich für jeden Marathon der Welt qualifizieren“, sagt er ausweichend pragmatisch. Nach dem Rennen stellte er einen Antrag auf Bleiberecht und wohnte fortan in einem Wiener Asylheim. Aus dem Antrag auf Bleiberecht wurde ein Antrag auf Staatsbürgerschaft und seit 2015 ist er Österreicher – willkommen in Europa.

42,195 km in 02:13:22: Lemawork Ketema lief bei der Leichtathletik-EM 2018 in Berlin seine persönliche Marathon-Bestzeit. | © ÖLV

„Ultramarathon? Naja, danach hatte ich a bisserl Muskelkater“

Und Lemawork – der Name setzt sich zusammen aus den amharischen Wörtern „lem“ (grün) und „work“ (Gold, Arbeit) – blieb auch fortan pragmatisch und positiv. Er ging jeden Tag alleine Laufen, trainierte und qualifizierte sich in bestem Do-it-yourself-Modus für nationale Wettbewerbe, da er während des Antragsverfahrens das Land nicht verlassen durfte. Erst als er zufällig seinen heutigen Trainer Harald Fritz kennenlernte, nahm seine Karriere endgültig Konturen an. Der fragte ihn: „Warum läufst du immer alleine? Komm doch zu meiner Gruppe.“ Gesagt, getan. Für Lemawork Ketema ist das Umfeld und die Gruppe von Harald Fritz viel mehr als nur eine Eintrittskarte – es verankert ihn mit den Einheimischen und ihren österreichischen Gepflogenheiten. Abseits vom Asylheim findet er neue Freunde, knüpft Kontakte und lernt die deutsche Sprache.

Eine Lieblingsdistanz hat er eigentlich nicht, „ich freue mich einfach, wenn ich unterwegs bin. Halbmarathon oder Marathon, das ist mir eigentlich egal“, sagt Ketema fast schon gleichgültig – Hauptsache laufen. Zweimal hat er bislang den Wohltätigkeitslauf „Wings For Life Run“ gewonnen, der in diesen Fällen zum Ultramarathon wurde. Angesprochen auf die Strapazen sagt er: „Ach, naja, danach hatte ich vielleicht ein kleines bisserl Muskelkater. Zwei Tage nach dem Rennen bin ich wieder in meinem ganz normalen Trainingsplan eingestiegen.“

In Afrika trainieren die besten Läufer miteinander

Seit er im Besitz der österreichischen Staatsbürgerschaft ist, trainiert er im Sommer im Gebirge von St. Moritz, im Winter fliegt er ins Höhentrainingslager nach Kenia, wo ganz andere Bedingungen herrschen als in Österreich, nicht nur naturgemäß:

In Afrika sind die Läufer alle untereinander befreundet und man plaudert, kocht und isst nach dem Training miteinander. Es gibt auch viele Läufer, die sogar gemeinsam wohnen. Es ist eine ganz andere Lebenskultur. Man lernt voneinander und spornt sich zu Höchstleistungen an.

Lemawork Ketema

In Österreich und auch im Rest Europas ist das ganz anders. Hier heißt es: Jeder Läufer hat seinen eigenen Trainingsplan und Trainer. „Es ist sehr schwierig. Ich habe sogar viele Athleten und auch den Verband direkt darauf angesprochen, aber die meisten haben daran leider kein Interesse“, sagt der 31-Jährige. Als Inspiration dient ihm derweilen der beste Läufer der Welt: Beim letzten Mal in Kenia konnte er der Trainingsgruppe des amtierenden Weltrekordhalters und Berlin-Marathon-Gewinners Eliud Kipchoge beiwohnen: „Das ist total irre, wie extrem die trainieren. Er ist ohne Frage der beste Läufer, den es gibt.“

EM 2018: Mit Peter Herzog (l.) und Christian Steinhammer (r.) holt Lemawork Ketema beim Marathon Team-Bronze für Österreich. | © ÖLV

Auf den Spuren von Haile Gebrselassie?

Wer aus Äthiopien stammt und sehr gut läuft, muss sich unweigerlich die Vergleiche anhören. So wie jedes schweizerische Tennis spielende Kind, dass gefragt wird, ob es auch mal so gut wie Roger Federer werden will. Haile Gebrselassie ist in Äthiopien nicht nur ein Laufgott, sondern auch extrem erfolgreicher Großunternehmer und nationale Institution. „Ich kenne ihn seit 12 Jahren, natürlich ist er mein großes Vorbild“, sagt Ketema mit gebührendem Respekt. „Er ist sehr bescheiden und intelligent, man kann sehr viel von ihm lernen. Die wichtigste Lektion? Die Disziplin geht über alles. Egal, ob es regnet oder nicht, du musst dein Training durchziehen und danach genügend regenerieren. Laufen ist kein einfacher Sport. Manchmal hat man Schmerzen oder es zwickt in der Wade. Aber das Wichtigste ist: Du musst immer positiv denken. Haile sagt: Ein Wettkampf ist wie eine Schule, man kann unendlich viel lernen, egal, ob man gewinnt oder verliert.“

Der Traum von Tokio 2020

Ketemas nächstes großes Ziel sind die kommenden olympischen Sommerspiele. 2014 verpasste er trotz einer Hamburg-Marathon-Zeit von 02:16:19 die notwendige Norm um knapp zweieinhalb Minuten. Aktuell sind seine Chancen gewachsen, denn die Teilnahme unterliegt laut IOC einer neuen Regelung. Statt per definierter Zielzeit, qualifizieren sich die besten 80 Läufer automatisch für den olympischen Marathon-Wettbewerb. Ähnlich wie die Tennis-Weltrangliste setzt sich das Ranking aus verschiedenen Leistungs- und Platzierungspunkten zusammen. Da allerdings den Überblick zu behalten, ist nicht ganz einfach. Auch Ketemas Trainer Harald Fritz sagt: „Das erfordert fast schon höhere Mathematik, um das Punktesystem in der Weltrangliste auszurechnen. Momentan sieht es aber ganz gut aus, Lemawork steht auf Platz 60.“ Dem sympathischen Neu-Österreicher würde man am liebsten auf die Schulter klopfen und sagen: Läuft bei dir.

Veröffent­lichungsdatum: 09.11.2018
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