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Immer am Start: Patrick trainiert bis zu 20 Stunden in der Woche, im Winter sogar mehr. | © Sportograf

Patrick Hagenaars – Tränen am Timmelsjoch

Mit nur einem gesunden Arm hat Radsportler Patrick Hagenaars Platz 3 beim schwersten Bergmarathon erreicht. Eine Geschichte über Grenzen, Motivation und Weitermachen.

Die Sache mit dem Arm muss Patrick Hagenaars nur manchmal beim Start von Rennen erklären, weil seine Konkurrenten danach fragen. Und zwar nach der technischen Seite, nicht der menschlichen, das ist ihm sehr recht. Dann zeigt Hagenaars, dass beide Bremsen und die Schaltung über den rechten Griff bedient werden, der linke dient nur zum Halten und Stützen. Also dort, wo eine Arm-Prothese von der Schulter zum Lenker führt. „Ich erkläre das gern“, sagt Hagenaars, „sonst ist es eigentlich kein Thema.“

„Für mich war es wie ein Sieg“

Kein Thema? Das ist überraschend, weil der drahtige Tiroler nur selten am Start von „Para“-Rennen für behinderte Sportler steht. Stattdessen bei den größten, schwersten und längsten Radrennen für Amateure – Hauptsache möglichst viele Berge. So wie am 2. September beim Ötztaler Radmarathon, einem berüchtigt schweren Rennen über 238 Kilometer und kaum fassbare 5.500 Höhenmeter. Vielleicht das schwerste von allen dieser Art: am Ende steht das gewaltige Timmelsjoch, 30 Kilometer Steigung auf 2.470 Meter. „Bis dahin muss man haushalten“, hatte Patrick Hagenaars im Gespräch vor dem Wettkampf erzählt, „und dann alles rausholen.“ Das tat er, und wurde Dritter. „Als ich das begriffen hatte, kamen mir die Tränen“, sagt der 36-Jährige. „Für mich fühlt sich das wie ein Sieg an.“ Es ist wohl das wertvollste Resultat seiner inzwischen rund sechs Jahre währenden Sportkarriere, die schon seine zweite ist.

Die Sieger beim Ötztaler Radmarathon: Zweiter von links Patrick Hagenaars. | © Ötztal Tourismus/Ricardo Gstrein

Das Unglück auf den Bahngleisen

Die Erste, das war vor dem Unfall 2003. Da war Patrick Hagenaars 20 Jahre alt und ein hoffnungsvoller Nachwuchsathlet in der Nordischen Kombination. Skisprung und Langlauf, damals war Österreich Weltspitze und Hagenaars auf dem Sprung in die Elite. Bis zu einem schrecklichen Unglück: Hagenaars geriet betrunken auf die Gleise des Bahnhofs Wörgl, ein Zug trennte seinen Arm unter der Schulter ab. Hagenaars beschloss, nicht mit seinem Schicksal zu hadern. Das lief ganz gut, doch wenn er zurückblickt, fällt manchmal das Wort „Verdrängung“.

Fast zehn Jahre später ließ ihn die Trennung von seiner damaligen Freundin dann doch „in ein Loch“ fallen. Heraus kam er auf dem Rad. Hagenaars entdeckt seine Liebe zur Natur wieder, und die Freude an der sportlichen Herausforderung. „Ich war nicht komplett eingerostet“, sagt er über die Anfänge, „aber schon bald lief es rund“. Er trat zu Amateurrennen an und wurde immer besser.

Wenn es irgendwo schön ist auf der Trainingsstrecke, dann setze ich mich auch mal hin und genieße das.

Patrick Hagenaars

Eigentlich sind das Spitzensportler

Doch was heißt schon Amateure – wer beim Ötztal-Marathon an der Spitze fährt, trainiert wie ein Profi. Bis zu 20 Stunden in der Woche, im Winter mehr. Patrick Hagenaars hat Sponsoren, wird zum Beispiel von Garmin ausgerüstet. Doch vom Sport leben kann und möchte er nicht, der Bürojob in der Zimmerei und Tischlerei seines Bruders zuhause in Brixen im Thale gewährt ihm alle nötigen Freiheiten. Die Einschränkung durch die Armprothese beim Radfahren empfindet er als minimal („ich kann nicht so ziehen bergauf…“), die Konkurrenz der stärksten Amateure als genau passend. Die Idee, mehr Rennen mit Behinderten zu fahren und über die Paralympics doch noch zu Olympischen Spielen zu kommen, ist nicht aufgehoben, aber immer wieder aufgeschoben.

Hagenaars bei der Einfahrt des diesjährigen Ötztaler Radmarathons. | © Ötztal Tourismus/Ricardo Gstrein

„Ich setze mich hin und genieße“

Der paralympische Sport mit seinen festen Verbands- und Trainings-Strukturen würde ihn womöglich seiner größten Stärke berauben: völlig selbstbestimmt zu sein. „Wenn es irgendwo schön ist auf der Trainingsstrecke, dann setze ich mich auch mal hin und genieße das“, sagt Hagenaars. Überhaupt hat eine späte Karriere auch ihre guten Seiten: „Ich bin nicht mehr so verbissen wie am Anfang. Wenn etwas nicht gelaufen ist wie erhofft, spornt mich das zwar an, aber ich mache mich nicht verrückt.“

„Ich fahr eben los“

Das Geheimnis seiner Motivation klingt ebenfalls recht entspannt: „Nicht weiter nachdenken, einfach machen.“ Hagenaars hört von anderen immer wieder, er sei ein Wunder der Selbstdisziplin. Die Winter-Trainingslager auf Gran Canaria oder Mallorca, wo in vielen Stunden die Ausdauergrundlagen gelegt werden, absolviert er ganz allein. Kein Trainer oder Kumpel, der ihm morgens sagt, komm’, los geht’s! Wie macht er das? Dass Patrick Hagenaars die Frage nicht wirklich versteht, ist wohl die eigentliche Antwort. „Disziplin ist für mich gar kein Thema“, sagt er, „für mich ist es ganz normal, dass ich eben losfahre.“

Raimund Witkop

Über #BeatYesterday-Autor Raimund Witkop


Raimund Witkop hat als Sportjournalist (u.a. Welt am Sonntag, FAZ) auch über den Profi-Radsport berichtet. Privat kommt er vom Fußball und ist beim Tennis gelandet. Seine 6-jährige Tochter vermittelt ihm einen neuen Blick auf den Sport: Wettkampf zu mögen, muss man lernen. Die Übung, in der sie ihn als erstes überflügeln wird, steht aber schon fest: ein Rad schlagen.

Veröffent­lichungsdatum: 13.09.2018
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