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Sport und Veganismus: „Wenn ich mangelernährt war, dann vorher”

Der Verzicht auf Fleisch liegt im Trend. Die einen wollen Umwelt und Tier schützen, andere gesünder leben und manche ihre sportliche Leistung steigern. Wie gelingt das? Zwei Erfahrungsberichte.

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Sie machten sich Sorgen um Thomas. Der Mann, Mitte vierzig, erschien immer hagerer auf dem Trainingsplatz. Sein Gesicht trug beinahe asketische Züge, die Wangenknochen stachen markant hervor. Jener Thomas bekam zu dieser Zeit sogar einen Spitznamen von den besorgten Boulevardmedien verpasst: Tofu-Tuchel.

Es handelt sich also um den deutschen Fußballtrainer Thomas Tuchel. Der trimmte seine Spieler bei Borussia Dortmund nicht nur auf dem Sportplatz, sondern auch in der Kantine. Weizen, Zucker und größtenteils Fleisch verschwanden vom Speiseplan. Keine Cola mehr, nix Pizza, dafür Wasser und Tofu. Spieler wie Ilkay Gündogan verloren an Gewicht und gewannen (noch) mehr Agilität. Gündogan sagte später in einem Interview: „Kein Zucker mehr, kein Weizen. Anfangs war es gar nicht so einfach, auf das Gewöhnte zu verzichten. Aber jetzt schmeckt mir alles. Und mein Körper fühlt sich fitter an.“

Mittlerweile ist Tuchel, Medienberichten zufolge kein Veganer, aber auf dem Weg zum Vegetarier, einer der erfolgreichsten Fußballtrainer der Welt. Der Spott ist der Anerkennung gewichen. Und Tofu für Sportler*innen anscheinend kein Teufelszeug. Das schwören auch Christian Bruneß und Lena Gesing. Die beiden ambitionierten Freizeitsportler*innen erzählen, warum sie ihre Ernährung auf fleischfrei umgestellt haben – und wie sie davon im Alltag profitieren.

Christian Bruneß, Chefredakteur Laufzeit-Magazin, Garmisch-Partenkirchen

Christian Bruneß, Chefredakteur Laufzeit-Magazin, beim Laufen
Christian Bruneß lebt seit zehn Jahren vergan. © privat

Seit wann lebst du vegan?

Ich ernähre mich seit etwa zehn Jahren vegan. Dem ist eine zu vernachlässigende, einwöchige vegetarische Phase vorausgegangen.

Warum hast du damals etwas verändert?

In erster Linie war es das Tierleid, für das ich durch mein Konsumverhalten keine persönliche Verantwortung mehr tragen wollte.

Wie hat die Ernährungsumstellung deinen Alltag und deinen Sport beeinflusst?

Die abrupte Umstellung zwang mich, lieb gewonnene Alltagsgewohnheiten zu verändern. Das war anfangs, das gebe ich gerne zu, nicht immer einfach. Was kaufe ich ein? Wie verhalte ich mich bei Mahlzeiten im Freundes- und Familienkreis? Unterm Strich habe ich mich diesen Herausforderungen aber gerne gestellt. Immerhin darf man so jeden Tag für seine Überzeugungen einstehen, was ein gutes Gefühl ist. Was sich anfangs wie ein Verzicht anfühlte, stellte sich bald als Gewinn heraus. Ich habe deutlich gesünder und vielfältiger gegessen als vorher. Lebensmittel wie Quinoa, Seitan oder pflanzliche Milchalternativen aus Hafer oder Reis kannte ich als Fleischesser gar nicht. Ich entdeckte eine neue und spannende Welt.

In den vergangenen zehn Jahren ist der Veganismus erfreulicherweise so populär geworden, dass der Umstieg heutzutage deutlich leichter fallen dürfte. Ich war erst Veganer, dann Sportler, von daher habe ich keinen direkten Vergleich. Was ich sagen kann: Ich habe Marathons, 100-Meilen-Läufe sowie Deutschland-Durchquerungen geschafft und dabei nie einen Mangel verspürt. Im Gegenteil. Wenn ich jemals mangelernährt war, dann vorher.

Was half auf dem Weg zum veganen Leben?

Ich habe mich mit anderen veganen Menschen ausgetauscht und mir Tipps geholt. Es gab damals in Hamburg ein Angebot, das sich „Vegan Buddy“ nannte. Dort haben erfahrene Veganer*innen Neulinge an die Hand genommen und sind mit ihnen beispielsweise im Supermarkt einkaufen gegangen. Auch hatte ich ein paar Freund*innen, die schon vegan lebten oder im Begriff waren, das zu tun. Es hat Spaß gemacht, gemeinsam Neues zu entdecken.

Immer wenn ein neues Produkt auf den Markt kam oder ein Imbiss oder Café mit veganem Angebot öffnete, waren wir die Ersten, die es wussten. Es war eine Schnitzeljagd – rein pflanzlich, versteht sich. Besonders auf Reisen wurden Erfolgserlebnisse zelebriert. Ich habe wieder gelernt, mich über Kleinigkeiten zu freuen. Ich meine, wer als Veganer*in im Ausland unverhofft auf ein Café stößt, das vegane Schokotorte und Matcha-Latte verkauft, empfindet echte Glücksgefühle.

Die reduzierten Auswahlmöglichkeiten haben bei mir zu einer höheren Wertschätzung des Vorhandenen geführt. Und manches ist leichter geworden! Wer sich nicht mehr zwischen zwanzig Sorten Eis, sondern nur dreien entscheiden muss, ist weniger überfordert. Grundsätzlich half mir der Gedanke, dass Menschen schon so viel geschafft haben: Mondlandung, Everest ohne Sauerstoff, Marathon unter zwei Stunden. Da werde ich es wohl hinkriegen, auf Fleisch und Käse zu verzichten.

Was hat dich bei der Umstellung am meisten herausgefordert – oder tut das immer noch?

Es war zunächst schwierig, einen entspannten Umgang mit Fleischesser*innen zu finden. Anfangs habe ich auch mal über die Stränge geschlagen, habe provoziert. Aber irgendwann musste ich feststellen, dass niemand Lust auf einen Besserwisser hat. Von daher spreche ich das Thema kaum noch an und halte mich ganz bewusst zurück. Wenn jemand ernsthaft interessiert ist, dann unterhalte ich mich gerne darüber. Aber ich suche das Gespräch nicht mehr. Belehren möchte ich niemanden. Das klappt sowieso nicht.

Was ist dein veganes Lieblingsprodukt?

Es gibt hervorragende vegane Schokoladen. Wer die Schoki von Vego nicht kennt, sollte das schleunigst nachholen. Ansonsten sind Obst und Gemüse die Basis vieler Gerichte. Für ein gutes, selbst gemachtes Chili sin Carne würde ich sterben. Generell gilt: Ohne Hefeflocken als natürliche Geschmacksverstärker geht gar nichts.

Was ist dein Tipp an Menschen, die auf den Konsum von Fleisch verzichten oder ihn reduzieren wollen?

Ich würde die Umstellung nicht als Verzicht, sondern als Gewinn begreifen. Einen Zugewinn an Gesundheit und Fitness, aber auch für ein positiveres Selbstbild. Es fühlt sich toll an, aktiv etwas Gutes zu tun. Nicht nur für sich selbst, sondern für das Klima, die Tiere und die nachfolgenden Generationen.

Lena Gesing, Ernährungsberaterin, Hamburg

Lena Gesing, Ernährungsberaterin, beim Laufen
Lena Gesing hat nach ihrer Ernährungsumstellung den Spaß am Laufen wiedergefunden. © Florian Besser

Seit wann lebst du vegan?

Es begann 2017 als Experiment. Ich konnte mir zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen, dass es möglich ist, sich vollständig pflanzlich zu ernähren, ohne dabei verzichten zu müssen. Gleichzeitig war ich sehr neugierig. Nach einem vierwöchigen Selbstversuch war ich so begeistert, dass ich dran blieb.

Was war damals deine Motivation, deine Ernährung zu verändern?

Ich würde sagen, dass das Experiment aus der Not entstand. In der Zeit plagte ich mich lange mit einem Schienbeinkantensyndrom. Für mich als Läuferin der absolute Horror! Dann las ich, dass es möglich ist, die Gesundheit und Regeneration mithilfe der Ernährung zu beeinflussen. Da ich bereits zahllose andere Wege probiert hatte und mit meinem „Latein am Ende” war, wollte ich nichts unversucht lassen.

Wie hat die Ernährungsumstellung deinen Alltag und deinen Sport beeinflusst?

Mein Schlaf wurde besser, weil mein Körper – anscheinend – die pflanzlichen Lebensmittel leichter verdauen kann. Alles andere ist schwierig zu sagen, weil ich in der Zeit nicht auf einem hohen Level trainiert habe. Allerdings regeneriere ich rascher als früher. Auch meine Schienbeinschmerzen klangen ab. Ob das von der Ernährung oder durch die veränderte Trainingsstruktur kam, kann ich nicht sagen. Was aber definitiv passiert ist: Durch die Ernährungsumstellung und das viele Kochen habe ich neue Lebensmittel, Kräuter und Gewürze kennengelernt. Und die will ich in meinem Ernährungsalltag nicht mehr missen.

Was half auf dem Weg zum veganen Leben?

Es gibt für (fast) jedes tierische Produkt ein pflanzliches Pendant. Ich habe am Anfang stumpf die Zutaten 1:1 ausgetauscht. Die Frikadelle auf dem Burger, das Hack in der Bolognese und den Käse auf dem Brot.

In dieser ersten Phase haben mir in Bezug auf Rezeptideen soziale Medien wie Pinterest und Instagram sehr geholfen. Als ich wusste, dass ich bei dieser Ernährungsform bleiben möchte, habe ich zusätzlich eine Ausbildung zur veganen Ernährungsberaterin gemacht. Das ist natürlich kein Muss. Aber ich wollte mich noch stärker mit diesem faszinierenden Thema auseinandersetzen.

Was hat dich bei der Umstellung am meisten herausgefordert – oder tut das immer noch?

Manchmal fühlen sich Menschen auf eine seltsame Art kritisiert, wenn sie selber Fleisch essen und dann mitkriegen, dass eine vegan lebende Person mit am Tisch sitzt. Sie haben das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen. Manche ziehen die pflanzliche Ernährungsform ins Lächerliche. Das ist sehr schade, aber prallt inzwischen an mir ab.

Was ist dein veganes Lieblingsprodukt?


Bei mir geht nichts ohne Tofu! Seidentofu, Naturtofu, Räuchertofu. Dieses Produkt, das aus Sojabohnenflüssigkeit hergestellt wird, ist ein Alleskönner in der veganen und vegetarischen Küche.

Was ist dein Tipp an Menschen, die auf den Konsum von Fleisch verzichten oder ihn reduzieren wollen?

Ganz einfach: Nehmt den Druck raus. Mit einer geplanten Ernährungsumstellung oder Veränderung ist es wie im Sport. Jede*r macht es im eigenen Tempo. Niemand ist perfekt, im Gegenteil: Diese Erwartungshaltung an sich selbst ist eher schädlich. Klein anfangen ist vollkommen in Ordnung. Beginnt beispielsweise mit einem fleischfreien Tag in der Woche („Meatless Monday“). Oder steigt von Kuhmilch auf eine pflanzliche Alternative aus Soja, Hafer, Mandel oder Reis um. Auch viele kleine Dinge führen langfristig zu einer großen Veränderung.

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Hannes Hilbrecht

Hannes Hilbrecht, Baujahr 1993, blieb in der 11. Klasse wegen seiner Deutschnoten backen. Drei Jahre später schrieb er seine erste große Reportage für ein renommiertes Online-Magazin. Vor seiner Zeit bei #BeatYesterday.org arbeitete er für zeit.de, den Berliner Tagesspiegel und für die 11 Freunde. Hannes mag Cuba Libre und französische Elektromukke. Am besten beides zusammen. Seine Smartwatch: die fēnix 6s.

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