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Ein Relikt aus militanten Zeiten. | © Mark von Sonnen

Pro oder kontra vegan? Das ist hier nicht die Frage!

Mark lebt seit 10 Jahren vegan. Seine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema war stets intensiv. So sieht er die Dinge heute:

Ich lebe zwar selbst konsequent vegan und träume von einer Welt ohne Tierleid. Wie wir diese Weltvorstellung allerdings erreichen können, ist noch die große Unbekannte! Nach vielen Jahren endloser – mitunter abstrakten – Grundsatzdiskussionen bin ich müde. Der ewige Kampf um Richtig oder Falsch polarisieren die Pro- und Kontralager meiner Meinung nach nur unnötig. Mich selbst interessiert jetzt eher das WIE (z.B.Techniken, zum Anreiz ethischen Konsums) als das WAS, nämlich selbstgerechte Streitgespräche, ohne Blick über den eigenen Tellerrand.

Ich liebe das vegane Leben! Die pflanzliche Küche bietet eine unerschöpfliche Vielfalt. Geschmacklich vermisse ich nichts und habe mich noch nie so gesund gefühlt. Aber darum geht es in diesem Artikel nicht, sondern um das ewige gesellschaftliche Pro & Kontra zum Thema Veganismus.

Mark von Sonnen, Veganer

Pro - ja! Militant – nicht mehr!

Vor 20 Jahren hörte ich bereits auf, Fleisch zu essen. Vom überzeugten, aber unpolitischen Vegetarier, wurde ich zum politisch motivierten Veganer. Ich empfand die Welt als Podiumsdiskussion verfeindeter Parteien und war besessen von DEM richtigen Argument. Durch immer mehr Berichte über Klimawandel und Massentierhaltung dachte ich, dieses endlich gefunden zu haben[1]. Bereits 2009 bei der COP15 in Kopenhagen dachte ich, die Politik könne das Thema nicht länger ignorieren. Sie müsse nun, wie auf die Fakten zum Passivrauchen mit dem Rauchverbot, auch beim Fleisch mit einer Maßnahme „von oben“ reagieren. Doch der Punkt Massentierhaltung wurde von ihr seither vollkommen ignoriert.

Die konventionelle Fleischindustrie scheint nicht nur mächtig genug, Politikern den Mund zu verbieten. Nein, sie profitiert auch davon, dass du und ich uns über Unterschiede im persönlichen Konsum zerfleischen, anstatt durch den Fokus auf Gemeinsamkeiten wirklich etwas verändern zu wollen.

Veganer gegen Allesesser? Allesesser gegen Veganer? Nein, ich glaube: Alle gegen Tierquälerei!

Wer gegen wen?

Veganer gegen Allesesser? Allesesser gegen Veganer? Nein, ich glaube: Alle gegen Tierquälerei! Über drei Viertel der Menschen sind gegen Massentierhaltung. Warum? Keiner kann mir erzählen, dass er es gut findet, wenn Tiere unnötig gequält werden. Aber es geht bei der ganzen Prozesskette auch um Themen wie Verbrauchertäuschung, gierige Konzerne, korrupte Politiker und die Zerstörung von Allgemeingütern wie Umwelt, allgemeine Gesundheit (Notfallantibiotika) oder Steuern[2]. Das sind doch alles höchst politische und nicht unbedingt persönliche Fragen, oder?

Daher frage ich mich immer wieder: Sollte das Ziel nicht ein verändertes ANGEBOT sein? Anstatt dass wir in endlosen Debatten die individuelle NACHFRAGE zu verändern versuchen?

Ich glaube, niemand isst Fleisch WEIL es aus Tieren ist, sondern OBWOHL es aus Tieren ist! Diese Erkenntnis kam mir nicht von heute auf Morgen. Es war ein längerer Prozess, bis ich das eigentliche Problem klar vor Augen sah: Der Veganismus ist immer noch viel „linker“ und radikaler behaftet, als er es eigentlich sein sollte.

Mark von Sonnen, hörte vor 20 Jahren hörte auf, Fleisch zu essen

Schritt für Schritt in eine bessere Welt

Doch um so weit zu kommen finde ich, müssen wir alte Denk- und Handlungsmuster hinter uns lassen, und vom Lobbying, Marketing und der Rhetorik derer lernen, die klima- und gesundheitsschädliche Produkte so unwiderstehlich und allseits verfügbar gemacht haben.

Coke und Pepsi bekämpfen sich in der Öffentlichkeit vehement, doch eigentlich stehen sie vereint für gemeinsame Ziele ein: Den Konsumenten zu suggerieren, die koffeinhaltige Zuckerbrause mache ihr Leben lebenswerter, cooler und sei alles andere als ungesund.

Findest du nicht auch, dass wir nicht darüber streiten sollten, ob der Bioanteil am Fleischmarkt mit seinen leider nur 1 Prozent nun ethisch unbedenklich ist oder nicht? Sondern ZUERST gemeinsam den restlichen 99 Prozent Marktanteil der konventionellen Fleischindustrie und ihrem organisierten Verbrechen ein Ende bereiten sollten? Danach können wir dann weiterreden.

Pro oder kontra vegan – eine Frage der Nationalität?

Meine Sinneswandlung habe ich bestimmt auch der Tatsache zu verdanken, dass ich viel umgezogen bin und viele vegane Szenen kennenlernen durfte (Schweiz, Österreich, USA, Deutschland und Asien). Die Amerikaner sind sehr organisiert, professionell und weniger dogmatisch. Und in Asien beeindruckte mich besonders der unbefangene Umgang mit dem Thema. Dort begegnet man dir respektvoll: „Was du machst ist bewundernswert, doch ich könnte es nicht.“

Die westliche Philosophie hingegen ist eher getrieben von Dualität. Schwarz oder weiß. Richtig oder falsch. Wir geben nicht zu, dass etwas richtig ist, es sei denn, wir praktizieren es selbst. Mit dieser Mentalität konstatierte ich dem Westen noch vor wenigen Jahren einen ewigen Kampf zwischen linksradikaler Konsumfeindlichkeit und unüberwindbarem Lobbyismus.

Die Wurst ist die Zigarette der Zukunft!

Ergeht es der Wurst bald wie der Zigarette?

Ich erinnere mich noch genau, wie vor etwa 10 Jahren holländische Metzger anfingen, auch Sojawürste anzubieten. Revolutionär für die damals klar definierten Feindbilder und verhärteten Fronten.

Ich dachte, die hiesige Fleischlobby würde so etwas niemals zulassen. Seitdem hat sich zum Glück einiges getan. Dank neuer Führung trat der Vegetarierbund in den offenen Dialog mit der Industrie und nach einer Studie über die Ernährungsgewohnheiten der Zukunft[3], kam selbst der Chef eines großen deutschen Wurstherstellers zum Ergebnis:

„Die Wurst ist die Zigarette der Zukunft!“[4]

Die Firma wurde zu einem der größten Hersteller vegetarischer und veganer Würste. Der Wandel der gesamten Branche folgte.

Ist Wurst krebserregend?

Das ist laut Internationaler Agentur für Krebsforschung (IARC) nicht zu bestreiten: Seit 2015 stuft sie verarbeitetes Fleisch wie Wurst als Karzinogen der Klasse 1 ein. Bei einem Verzehr von 50 Gramm pro Tag steigt das relative Darmkrebsrisiko um 18%[5].

Ich finde, diese Erkenntnis ist Gold wert. Denn würde der Einsatz von dem für die rote Farbe verantwortlichen Karzinogen Nitrit verboten, wären Wurst und Schinken braungrau. Der Konsument würde die Waren als wenig appetitlich empfinden. Blutleer und irgendwie tot sehen sie dann aus. Vielleicht würden Kinder dann sogar freiwillig auf die geliebte Wurst verzichten und nicht schon frühzeitig viel zu viel von diesem Karziogen zu sich nehmen.

Wieso brauchst du Fleischersatz, wenn du kein Fleisch isst?

Wie die meisten Veganer lehne auch ich den Konsum von Tierprodukten nicht wegen des Geschmacks ab. Uns hat nur das Wissen über Fakten wie die hinlänglich bekannte Prozesskette der Milch- und Eierproduktion (geschredderte männliche Küken, dauerschwangere Kühe, getötete Kälber – für die, die nicht informiert sind) schlichtweg den Appetit verdorben.

Dennoch finden wir pflanzliche Alternativen wunderbar, um die Bisskonsistenz in einem Gericht zu variieren, Mahlzeiten geschmacklich noch abwechslungsreicher zu machen, oder eben nur die „traditionelle“ Telleraufteilung: Gemüse, Stärkebeilage und Proteine auf gesündere und moralisch vertretbare Art und Weise fortzuführen.

Ich finde auch nicht, dass es bei veganen Alternativen darum geht, sie wie Tierteile aussehen zu lassen! Es ist eher wie mit den Elektroautos: Die Form hat sich bewährt, doch gibt es einen besseren Antrieb.
Da fragst du ja auch nicht: „Warum fährst du nicht Fahrrad, wenn du gegen Autos bist?“, oder „Warum musst du das denn noch Auto nennen?“ Und es kommt auch kein Verkehrsminister, der den Namen „Auto“ dafür verbietet, wie der „Glyphosator“ Christian Schmidt, der letztes Jahr den Begriff „Milch“ für pflanzliche Alternativen verbieten ließ[6].

Vegan ist cool!

Ich persönlich freue mich wahnsinnig über den neuen Veganismus im Westen mit seinen lebensfrohen BloggerInnen, Yogapraktizierenden, Foodies und Hipstern, die dem ganzen Thema neues Leben einhauchen und keine Religion daraus machen, sondern einen coolen und selbstverständlichen Lifestyle. Der Kreis der Veganer wuchs in den letzten Jahren um mehrere Hundert Prozent[7]. Und das TROTZ des politisch fundamentalistischen Veganismus und nicht DESWEGEN.

Veganismus ist zu einem Lifestyle geworden. Unseren Autoren stört das nicht. | © iStock.com/KatarzynaBialasiewicz

Mehr WIE und weniger WAS

Eine Umfrage aus England hat ergeben: Die Mehrheit der Menschen spielte in den letzten Jahren mit dem Gedanken, eine vegane Ernährung mal auszuprobieren. Bei der Frage, warum sie dies dennoch nicht getan hätten, waren die Hauptgründe zwar mangelndes Angebot und Wissen, doch ungefähr ein Viertel der Befragten fühlte sich durch das aggressive Auftreten mancher Veganer abgeschreckt.

Das ewige Pro & Kontra ist nicht zielführend

Gefangen in einer Alles-oder-nichts-Mentalität, werden Sympathisanten der veganen Szene wie der Philosoph und Publizist David Richard Precht, der das Thema Massentierhaltung in die politische und öffentliche Debatte einbringt, oft nach ihrem persönlichen Konsum beurteilt. Und während ich und manch andere Veganer sein Engagement begrüßen, hört man in sozialen Medien von unseren Kollegen das Credo, er lebe ja selbst nicht vegan und so wäre sein Engagement irgendwie scheinheilig. Ich finde das kontraproduktiv. Schließlich wird das Thema so aus der Politik ferngehalten.

Weniger ist mehr

Es geht in der Debatte meiner Ansicht nach nicht darum, sich endgültig für eine Seite zu entscheiden, sondern sich bei diesen hoch aktuellen, für uns (und unsere Kinder!) absolut wichtigen Fragen eine EIGENE Meinung zu bilden. Ganz unabhängig davon, wo man mit seinem persönlichen Konsum steht. Ansonsten denke immer daran: Jeder vegane Tag in deinem Leben ist ein guter Tag! Du kannst es einfach mal ganz ungezwungen ausprobieren. Vielleicht wird es etwas Dauerhaftes, vielleicht aber auch nicht.

Da die Änderung einer Angewohnheit bekanntlich allerdings drei Wochen dauert, bietet sich eine 21-tägige Vegan-Challenge[8] an, bevor du dir ein richtiges Urteil bildest. Niemand verlangt am Ende eine Rechtfertigung. Es liegt ganz bei dir selbst.

Film-, Buch- und Blogtipps:

  • Netflix-Doku: Heftig diskutiert und doch empfehlenswert: „What the Health
  • Blog: Dr. Michael Greger´s Blog ist lustig und informativ
  • Buch: Dr. Michael Greger „How Not To Die“ (so lautet auch der deutsche Titel)
  • Youtube Kanal:vegan ist ungesund“ (auf deutsch), zeigt wunderbar die neue Leichtigkeit und Lustigkeit des heutigen Veganismus

© MyCoolpix Stuttgart

Über Mark von Sonnen


Angefangen bei den Punks der 90er trieb sich Mark immer gerne in sozialen Bewegungen herum und reflektierte philosophisch darüber. Seine zweite große Leidenschaft ist Asien. Von seiner Faszination für Kampfkunst kam er zur Sinologie. Nach mehreren Studien-, Sprachkurs- und Forschungsaufenthalten ist Taiwan zu seiner zweiten Heimat geworden. Die Unterschiede der Weltanschauungen zwischen Ost und West faszinieren und beeinflussen in nachhaltig. Mittlerweile empfindet er sich als Hybrid.

[1] Auch wenn die absoluten Zahlen variieren, die Weltbank geht von 51% aus, die UNO von 18%, doch relativ sind sie sich einig: Die Viehwirtschaft ist Klimasünder Nr.1.

[2] Und über 90% des Fleischmarkts stammen aus der Massentierhaltung.

[3] Quelle: www.ruegenwalder.de

[4] Quelle: www.welt.de

[5] Quelle: www.iarc.fr

[6] Quelle: www.welt.de

[7] In den USA um 500% Quelle: www.riseofthevegan.com

[8] Ich empfehle diese.

Veröffent­lichungsdatum: 29.01.2018
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