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Autor David drehte eine schweißtreibende Interview-Laufrunde mit dem mehrfachen Marathonmeister Mourad Bekakcha. | © privat

„400 Meter nach dem Start war plötzlich keiner mehr hinter mir“

Das Lauf-Interview: Autor David verknüpfte Hobby und Beruf und sprach mit dem mehrfachen Marathonmeister Mourad Bekakcha – während eines gemeinsamen Laufs.

Mehrfacher Hamburger Meister im Straßen- und Crosslauf, Titel bei Deutschen Meisterschaften und um ein Haar auch eine Teilnahme bei Olympia: Der Hamburger Mourad Bekakcha ist ein echter Vollblutläufer und wohnt ebenso wie ich unweit der Außenalster, wo man perfekt trainieren kann. Eine Runde sind 7,5 Kilometer. Für unser Lauf-Interview treffen wir uns allerdings vor der Parkanlage Planten un Blomen, direkt beim Fernsehturm, wo wir gemeinsam eine 5-Kilometer-Runde drehen wollen. Als Aufnahmegerät habe ich mein Smartphone dabei, das ich während des Laufens in der Hand halte. Ein Tipp: Besser einen Hüft- oder Armgurt für das Smartphone verwenden. Einmal wäre es mir beinahe aus der Hand geflutscht.

Mourad ist etwas nervös, seine Frau und er erwarten jederzeit ihr zweites Kind, der Stichtag für die Geburt ist bereits überschritten: „Ich habe mein Handy immer dabei. Wenn sie anruft, müssen wir schneller laufen und sie ins Krankenhaus bringen!“, sagt er mit einem Lächeln. Also lasse ich uns keine Zeit verlieren und stelle meine erste Frage:

Mourad, du hast früher erfolgreich Fußball gespielt – wann hast du gemerkt, dass dein eigentliches Talent im Laufen schlummert?

Als kleiner Junge in Algerien hatte ich nicht die große Auswahl an Sportarten, deshalb stand für mich fest: Ich werde Fußballprofi. Immerhin hat es dort für die Zweite Liga gereicht. Später bin ich nach Deutschland gekommen, habe mit 18 Jahren in der Regionalliga gespielt und parallel Abitur gemacht. Da habe ich schnell gemerkt, dass das Niveau in Deutschland zu hoch für mich war. Also dachte ich: Okay, halte dich fit und kicke nur noch aus Spaß.

Das Interview kann beginnen: Mourad und David kurz vorm Start ihrer gemeinsamen Laufeinheit. | © privat

Warst du auf den Fußballplätzen in Deutschland trotzdem immer der Schnellste?

Nee, gar nicht. Beim Fußball geht es ja primär um kurze, schnelle Sprints, also um Kraftschnelligkeit. Das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was Marathonläufer brauchen. Deshalb finden Fußballer auch ausgedehnte Waldläufe so furchtbar. Aber klar, ich war schon schnell und hab häufiger zu hören bekommen „Der geht ja ab wie ’ne Katze!“ Ich fand das aber ganz normal. Die extreme Ausdauer hatte ich aber damals noch nicht.

Wie hast du dir die dann antrainiert? Extreme Waldläufe mit dem Team?

Über den Radsport. Ich stand mit großen Augen an der Straße, als in Hamburg 2001 die „Cyclassics“ stattfanden. So ein Straßenradrennen für Jedermann gab es in Algerien nicht, dort besaß ich nicht einmal ein Fahrrad. Mein erstes hab ich mir für 600 Mark in Deutschland gekauft – und mich dann spontan für die Cyclassics angemeldet. Ich weiß noch, wie ich ein paar Meter nach dem Start gestürzt bin, weil ich es noch überhaupt nicht gewohnt war, auf einem Sattel zu sitzen. Erst später wurde Rad fahren eine echte Leidenschaft. Ich bin täglich 60 bis 70 Kilometer gefahren. Nicht um zu trainieren, sondern um mir das Hamburger Umland anzuschauen. Ich war damals schon klein und leicht. Als ich dann immer besser wurde, bekam ich automatisch Lust auf Leistungssport und fuhr kurz darauf sogar Rennen für das algerische Nationalteam.

Ich war schon schnell und hab häufiger zu hören bekommen „Der geht ja ab wie ’ne Katze!“ Ich fand das aber ganz normal.

Mourad Bekakcha

In dir schlummern also mehrere Talente. Wann kam denn der Sprung zum Laufen?

Im Hamburger Stadtteil Heimfeld fand ein Duathlon-Wettbewerb statt, also Laufen und Radfahren. Die Laufstrecke geht über fünf Kilometer – und 400 Meter nach dem Start habe ich mich umgedreht und plötzlich niemanden mehr gesehen. Ich dachte nur: Mist, du bist bestimmt falsch abgebogen. Also habe ich angehalten und gewartet, bis die anderen Läufer kommen. Und zum Glück kamen sie. Am Ende hatte ich so einen großen Vorsprung, dass für mich mein nächstes Ziel schon klar war – ein Halbmarathon.

... worauf die meisten „Erstläufer“ akribisch hinarbeiten. Wie hast du dich darauf vorbereitet?

Total unprofessionell. Ich bin wie ein Verrückter bei 30 Grad mehrmals um die Alster gerannt. Trainingspläne hatte ich damals noch nicht. Ich wollte einfach nur laufen, laufen, laufen. So schnell wie möglich. Es gab nur einen Gang: volle Geschwindigkeit. Am Tag des Wettbewerbs bin ich dann in 1:18 Stunden über die Ziellinie gelaufen. 2008 kam dann mein erster Marathon in Hamburg mit einer Zeit von 2:40 Stunden. Nach dem Rennen kam jemand zu mir, um zu gratulieren: „Mourad, du bist Hamburger Vizemeister geworden!“ Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt.

Ich wollte einfach nur laufen, laufen, laufen. So schnell wie möglich. Es gab nur einen Gang: volle Geschwindigkeit.

Mourad Bekakcha

Für jemanden, der bis dahin alles im Do-it-yourself-Modus gemacht hat, war das doch gar nicht so schlecht.

Erst danach, also 2009, bin ich in die Laufabteilung beim HSV eingetreten, habe mir einen Trainer gesucht und fing dann an, professionell zu trainieren. Und dann habe ich in Hamburg auch alle Titel gewonnen, die es im Straßenwettbewerb gibt: 10 Kilometer, Halbmarathon, Marathon.

Wie hat sich in der Zeit dein Training verändert?

Es wurde sehr viel härter. In der Vorbereitung auf Wettbewerbe bin ich locker auf 120 Kilometer die Woche gekommen, parallel zu meinem Vollzeitjob als Fahrradmechaniker wohlgemerkt. Hinzu kamen drei bis vier Reisen im Jahr, etwa nach Südtirol in die Berge, um in der Höhe zu trainieren.

Bringt das Höhentraining wirklich etwas?

Ja, aber man muss es mehrmals gemacht haben, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Man muss genau wissen, wann man trainieren muss, wie lange die Pause bis zum Wettkampf ist oder wie hoch die Belastung ist.

Der Unterschied zwischen Hobby- und Leistungssportlern ist am Ende einfach nur das Ergebnis. Mats Hummels und Thomas Müller spielen auch nicht aus Spaß bei Bayern München.

Mourad Bekakcha

Apropos Gipfelstürmer: Du hast 2014 auch davon geträumt, für Algerien bei den Olympischen Spielen in Rio zu starten.

Ja, das stimmt, das war ein Traum von mir. Die Olympia-Norm lag damals bei 2:25 Stunden. Ich habe sie dreimal hintereinander nur um eine Minute verpasst. Aber hey: Ich habe es versucht.

Woran lag es? Hast du Fehler gemacht?

Nein. Vielleicht lag es am wechselhaften Wetter in Hamburg. Im Sommer kannst du leider nicht optimal planen.

War es danach schwer für dich, wieder die Motivation für neue Wettkämpfe zu finden?

Nein, das war schon okay. Ich habe einfach versucht, trotzdem immer besser zu werden. Der Unterschied zwischen Hobby- und Leistungssportlern ist am Ende einfach nur das Ergebnis. Mats Hummels und Thomas Müller spielen auch nicht aus Spaß bei Bayern München. Die wollen Titel gewinnen. Und so ist das auch bei uns Läufern: Wenn du merkst, dass du im Wettkampf nicht mehr deine angepeilte Zielzeit erreichen kannst, steigst du aus, um den Körper zu schonen.

Mit seiner Garmin Smartwatch hat Mourad die Trainingswerte immer im Blick. | © privat

Hast du trotzdem einen Tipp für Hobbyläufer? Wie sollte man sich vor einem Wettkampf verhalten?

Einfach entspannen! Man sollte versuchen, sich über nichts aufzuregen, sei es im Job, im Straßenverkehr oder privat zu Hause. Meine Frau weiß auch, dass sie mich vor Wettkämpfen immer in Ruhe lassen muss. Wer gut trainiert hat, wird auch seine anvisierte Zeit erreichen, als Faustregel gilt: Halbmarathonzeit mal zwei plus etwa zehn Minuten. Bei Leistungssportlern sind das drei bis sechs Minuten.

Und die Ernährung?

Ach, einfach ganz normal essen. Wer viel Gemüse und Obst isst und sich auch sonst gesund ernährt, macht alles richtig.

Nach sehr flotten fünf Kilometern bin ich bereits nass geschwitzt und freue mich über eine kleine Pause. Mourad blickt auf seine Garmin-Uhr und schaut mich schüchtern an: „Ich würde jetzt noch einmal ein paar Runden drehen, da ich gerade erst warm geworden bin … Ist das okay für dich?“ Natürlich ist das okay für mich, aber für die nächsten Runden überlasse ich ihm sein eigenes Renntempo. Auf mich wartet die Dusche, auf ihn ein weiteres Mal die wunderschöne Planten-un-Blomen-Parkanlage – und mit etwas Glück der Anruf seiner Frau.

Allgemein

© privat

Zur Person:

Mourad Bekakcha (39) kam erst vor zehn Jahren zum Marathonsport. Seine Bestzeit: 2:26:28 Stunden. Bis heute ist er erst 15 Rennen gelaufen. Davor war der gebürtige Algerier talentierter Fußballer und Radsportler. Bekakcha ist mehrfacher Hamburger Meister im Marathon, 10 km und Crosslauf. 2017 wurde er in seiner Altersklasse Deutscher Meister im Crosslauf. Er ist Vater von zwei Kindern und betreibt in Hamburg-Rotherbaum die Fahrradwerkstatt „Moradladen“.

Portrait David Siems

Über #BeatYesterday-Autor David Siems


David Siems wohnt in unmittelbarer Nähe der Hamburger Außenalster und hat damit die beste und schönste Laufstrecke der Stadt quasi vor der Haustür. Blöderweise hat er trotzdem regelmäßig mit Motivationsproblemen zu kämpfen. Früher lief er bei Marathon-Wettkämpfen gerne als Björn Borg oder Andre Agassi verkleidet (Schläger inklusive), um sich zu pushen. Heute reicht gute Musik auf den Ohren, etwa das „Revolver“-Album von den Beatles oder Leonard Cohen.

Veröffent­lichungsdatum: 19.07.2018
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